Corona-Konzerte

Wegen Beschwerden hat ein Seelbacher aufgehört, Musik vom Balkon zu machen

Elena Stenzel

Von Elena Stenzel

Do, 04. Juni 2020 um 18:25 Uhr

Seelbach

Verboten wurde es nicht, aber der Bürgermeister hat ihm nahegelegt aufzuhören. Herbert "Herbie" Wickertsheim berichtet im BZ-Interview über das abrupte Ende seiner Balkonkonzerte.

Seit Anfang April hat Herbert Wickertsheim jeden Abend auf seinem Balkon Volkslieder, Popsongs und Klassiker auf seinem Saxofon oder dem Aerofon gespielt. Seine Konzerte fanden an Pfingsten ein abruptes Ende. Mit BZ-Redakteurin Elena Stenzel sprach Wickertsheim über seine Konzerte, Musik in der Corona-Krise und Bandproben über Skype.

BZ: Herr Wickertsheim, Sie haben die vergangenen Wochen jeden Abend auf Ihrem Balkon gespielt, jetzt haben Sie aufgehört. Warum?

Wickertsheim: Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren total positiv. Leute, die ich gar nicht richtig kannte, kamen auf eine Wendeplatte in der Nähe meines Hauses und haben zugehört. Leute im Dorf haben die Fenster geöffnet, wenn ich gespielt habe. Weil ich an einen Lautsprecher gespielt habe – das muss ich zugeben – hat man die Musik auch von weiter weg gehört. Das war eine richtig schöne Gemeinschaft. Mal hat man mir sogar als Dankeschön eine Flasche Wein an den Gartenzaun gestellt. Aber dann habe ich einen Anruf von Bürgermeister Thomas Schäfer bekommen. Bei der Gemeinde habe sich jemand über uns beschwert. Direkt verboten hat er uns die abendlichen Auftritte nicht. Aber er hat uns nahegelegt aufzuhören.

BZ: Also haben Sie daraufhin aufgehört?

Wickertsheim: Ja, weil es uns geraten wurde. Auch in der Nachbarschaft wurde über uns geredet. Ein Freund hat mich gefragt: Wieso gibst du denn nach? Bei all den positiven Reaktionen? Klar, ich habe nichts Verbotenes gemacht, habe nie zur Mittags- oder Nachtruhe gespielt. Aber ich muss schon sagen: Das Ego ist dann schon ein bisschen verletzt. Wir Musiker sind da etwas verletzlich, weil Musik etwas emotionales ist.

BZ: Was sind Ihre weiteren Pläne?

Wickertsheim: Mit den "Worlderers", der Band aus Geflüchteten, die ich betreue, hätten wir eigentlich am 28. Juni beim Rosenfest in der evangelischen Kirchengemeinde in Seelbach auftreten sollen. Das Fest ist abgesagt worden, aber am Samstag wird unser Konzert auf Video aufgezeichnet und dann auf die Website von "Gemeinsam im Schuttertal" gestellt. Derzeit proben wir Musiker einzeln vor Ort oder über Skype. Ich versuche einfach, das Beste aus der Situation zu machen.
Herbert "Herbie" Wickertsheim (70), der pensionierte Lehrer ist Bandleader der "Worlderers" und tritt mit seiner Frau Trudy seit 40 Jahren als Duo "Hot and Sweet" auf. Er wohnt mit seiner Frau in Seelbach. Die Videos der Auftritte gibt auf Youtube unter http://mehr.bz/wickertsheim