Gastbeitrag

Welche Fragen sind im Vorstellungsgespräch verboten?

Jürgen Markowski

Von Jürgen Markowski

Sa, 31. Dezember 2022 um 08:00 Uhr

Beruf & Karriere

Darf man im Vorstellungsgespräch nach chronischen Krankheiten fragen? Der zukünftige Chef muss nicht alles wissen! Jürgen Markowski erläutert, was zulässige von unzulässigen Fragen unterscheidet.

Endlich! Die erste Hürde im Bewerbungsverfahren ist genommen, und die Einladung zum Vorstellungsgespräch ist angekommen. Bewerber wollen sich bei dem Termin von ihrer besten Seite zeigen, um die begehrte Stelle zu erhalten. Arbeitgeber loten aus, ob Anwärter und Stelle zusammenpassen und die Person ins Team und ins Unternehmen passt. Wie weit dürfen Arbeitgeber in diesen Gesprächen gehen? Worauf müssen Bewerber wahrheitsgemäß antworten? Welche Fragen sind verboten? Und wie reagiert man da?

Grundsätzlich gilt, dass Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch nach allem fragen dürfen, was aus ihrer Sicht für die Beurteilung des Stellenbewerbers erforderlich ist und was mit der auszufüllenden Arbeitsaufgabe im weitesten Sinne zusammenhängt. Hat der Arbeitgeber also ein berechtigtes, billigenswertes und schutzwürdiges Interesse an der Beantwortung einer Frage, muss diese auch wahrheitsgemäß beantwortet werden.

Die Privatsphäre des Bewerbers ist geschützt

Andererseits ist die Privatsphäre eines Bewerbers grundgesetzlich geschützt. Es ist also eine Abwägung gefordert zwischen dem Interesse des Arbeitgebers an einer möglichst umfassenden Information über den Bewerber und dessen Persönlichkeitsrecht, bestimmte Sachen nicht zu äußern. Bei unzulässigen Fragen hat der Bewerber folglich "das Recht zu lügen", weil die Frage seine Rechte verletzt.

Unbedenklich sind daher Fragen zum bisherigen beruflichen Werdegang, zur konkreten Erwartung des Bewerbers oder der Bewerberin an den neuen Arbeitsplatz oder zur beruflichen Entwicklung. Tabu ist dagegen die Frage nach der Vergütung am letzten Arbeitsplatz. Die Antwort hat in aller Regel keine Relevanz für die zu besetzende Stelle und kann die Verhandlungsposition zu Gunsten des Arbeitgebers verschieben. Der Neugier des Arbeitgebers entzogen ist auch die Vermögenssituation eines Bewerbers. Allenfalls künftige leitende Angestellte oder Personen, die in einer besonderen Vertrauenspositionen beschäftigt werden sollen, müssen sich dazu auf Nachfrage korrekt äußern.

Es kommt also immer darauf an, ob das Interesse des Arbeitgebers, etwa ob eine bestimmte Fahrerlaubnis vorliegt, Fortbildungen gemacht worden sind, Sprachkenntnisse vorliegen oder ähnliches einen konkreten Bezug zum künftigen Arbeitsverhältnis haben. Das gilt im Übrigen auch bei Vorstrafen. Eine Vorstrafe kann für den zu besetzenden Arbeitsplatz von Bedeutung sein, etwa eine Verurteilung wegen Unterschlagung bei einem Kassierer oder Verkehrsdelikte bei Kraftfahrern. Pauschale Fragen nach Ermittlungs- oder Strafverfahren sind aber unzulässig und Bewerber dürfen lügen.

Arbeitsrecht: Das gilt für Arztbesuche in der Arbeitszeit

Die Frage nach dem Gesundheitszustand ist nur zulässig, wenn die Einsatzfähigkeit auf dem zu besetzenden Arbeitsplatz hinterfragt wird. Eine pauschale Nachfrage muss dagegen nicht wahrheitsgemäß beantwortet werden. Das gilt erst recht, wenn den Arbeitgeber häufig wiederkehrende oder chronische Erkrankungen interessieren. Dahinter kann sich sogar eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen verstecken.

Die Frage nach dem Vorliegen einer Behinderung ist ebenfalls unzulässig. Geht es dem Arbeitgeber dagegen um die konkreten Anforderungen des zu besetzenden Arbeitsplatzes, muss er seine Frage arbeitsplatzbezogen und diskriminierungsfrei stellen.

Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft muss im Bewerbungsprozess nicht aufgedeckt werden. Auch die Religions- und Parteizugehörigkeit unterliegen nicht dem Fragerecht des Arbeitgebers. Etwas anders gilt nur, wenn es um einen Job bei einer Kirche oder eine Partei geht. Sucht eine Partei einen Pressesprecher darf auch nach der Parteizugehörigkeit der Bewerberinnen und Bewerber gefragt werden. Ohne Ausnahme verboten ist die Frage nach der Schwangerschaft vor einer geplanten Einstellung einer Frau. Das gilt selbst dann, wenn der Beschäftigung einer Frau von vornherein ein mutterschutzrechtliches Beschäftigungsverbot entgegensteht.

Es ist im Vorstellungsgespräch natürlich ratsam, sich bestmöglich zu präsentieren und auf berechtigte Fragen auch wahrheitsgemäß zu antworten. Wenn der Arbeitgeber aber klar unberechtigte Fragen stellt, muss hierauf nicht mit der Wahrheit geantwortet werden, sofern dies die Erfolgsaussichten im Bewerbungsprozess verschlechtern würde. Allerdings sollte man sich die Frage stellen, ob ein Arbeitsverhältnis mit einem Arbeitgeber, der bereits im Vorstellungsgespräch die geltenden Regeln missachtet und Persönlichkeitsrechte eines potenziellen Mitarbeitenden verletzt, wirklich anstrebenswert ist.