Wenn die Krise unüberwindbar scheint

Jutta Geiger

Von Jutta Geiger

Do, 23. Mai 2019

Neuenburg

Der Verein U25 aus Freiburg sensibilisiert die Zehnklässler des Kreisgymnasiums Neuenburg für das Thema Suizid.

NEUENBURG AM RHEIN. 3000 Menschen kommen in Deutschland jährlich im Straßenverkehr um, sagt das Statistische Bundesamt. Weit mehr Todesopfer, etwa 10 000 Menschen, gibt es aufgrund von Selbsttötung. Alle 50 Minuten nimmt sich ein Mensch das Leben. Im Jugendalter gibt es 20 bis 30 mal mehr Selbsttötungsversuche als Suizide selbst. Diese Zahlen waren Grund genug für das Kreisgymnasium Neuenburg (KGN), die Beratungsstelle U25 des Caritasverbands einzuladen, um die zehnten Klassen für das Thema Suizid zu sensibilisieren.

Der Suizidgedanke kämen vor allem in Krisen auf, erklärte Clara Nordfeld in ihrem Vortrag. Das chinesische Wort für Krise, Weiji, setze sich aus den Schriftzeichen für Gefahr und Chance zusammen, und spiegele daher gut, was zur Krise führen kann. Das kann etwa eine Scheidung der Eltern sein, ein Umzug, Arbeitslosigkeit, Liebeskummer, ein Todesfall im näheren Umfeld, Überforderung, aber auch eigentlich freudig erwartete Veränderungen im Leben, wie eine Hochzeit, die Geburt des eigenen Kindes oder ein Arbeitsplatzwechsel. Das alles könne jemanden unerwartet in eine Veränderungskrise stürzen.

Von Vorteil sei, so die Fachfrau, bereits vor einer Krisensituation eine Liste zu erstellen mit Dingen, die einem gut tun, wie etwa Sport, Musik, unter Leute gehen und ähnlichem, um sie im Krisenfall griffbereit zu haben und auszuprobieren. Könne man sich nicht mehr selbst helfen, solle man unbedingt fremde Hilfe in Anspruch nehmen, riet die Sozialpädagogin. Diese Hilfe können etwa Ärzte und Therapeuten geben oder auch Freunde und Familie, Lehrer, Schulsozialarbeiter, Seelsorger. Und dann gibt es eben auch die Nummer gegen Kummer, die Telefonseelsorge oder Beratungsstellen wie der Arbeitskreis Leben und U25.

Suizidgedanken sollte man ernst nehmen

Suizid begehen vor allem Männer, da diese härtere Methoden ergreifen als Frauen, erklärte Nordfeld. Besonders hoch werden die Suizidzahlen, wenn in der Presse Suizide genau beschrieben werden, also als Anleitung verstanden werden können, oder sich ein Prominenter das Leben nimmt. Man spricht dann vom sogenannten Werther-Effekt, denn nach Erscheinen des Romans "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1774 ist die Zahl der Suizide sprunghaft angestiegen, wegen Nachahmern. Zu beobachten war der Werther-Effekt auch als sich im November 2009 der Fußballnationaltorwart Robert Enke aufgrund von Depressionen das Leben nahm. Aber auch der Serie "Tote Mädchen lügen nicht", in der genau zu sehen ist, wie ein Mobbingopfer Suizid begeht, wird eine Nachahmerwelle nachgesagt. Jugendliche seien besonders von Suizidversuchen betroffen, so Nordfeld, da sie in der Pubertät oftmals zum ersten Mal auf eine echte Krise träfen, wie etwa den ersten Liebeskummer. Ihnen fehlt die Erfahrung, um zu wissen, wie man solche Krisen überstehen kann. Stark ansteigend sei die Kurve laut Nordfeld dann erst wieder im höheren Lebensalter ab 75, einem Alter, in dem die Menschen oft einsam und krank seien.

Wie sich Suizidgedanken erkennen lassen, beschreibt der Verein U25 folgendermaßen: Betroffene diskutieren über den Sinn des Lebens, sagen Dinge wie "Dann werde ich nicht mehr da sein", malen Symbole wie Kreuze oder Grabhügel, ändern ihr Verhalten oder die Leistung auffällig, ziehen sich zurück, schwänzen die Schule, ändern die Essgewohnheiten, leiden vermehrt unter Migräne, Schlaflosigkeit und Müdigkeit, vernachlässigen die Körperhygiene. Ganz akut werde es, so der Verein, wenn selbstzerstörerisches Verhalten zu beobachten sei, Suizidabsichten geäußert oder praktische Vorbereitungen getroffen werden oder ein Abschiedsbrief geschrieben wird.

Wenn man sich etwa um einen Freund sorge, rät U25 dazu, der Person zu zeigen, dass man für sie da ist und zuhört. Die Situation solle man ernst nehmen und versuchen, sie zu verstehen. Die Frage nach Suizidabsichten dürfe gestellt werden. Gleichzeitig solle man sich nicht verstellen, wenn man die Gründe für die Suizidabsichten nicht nachvollziehen kann. Wer seine Hilfe anbietet, muss gleichzeitig auf seine eigenen Grenzen achten und sich im Zweifelsfall Unterstützung holen.

Der Verein U25 wurde 2001 vom Arbeitskreis Leben (AKL) Freiburg entwickelt. Kostenlose Beratung unter Tel. 0761/33388

oder http://www.u25-deutschland.de/helpmail/