Italien

Wer steckte Italiens Ex-Präsident Berlusconi mit Sars-CoV-2 an?

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Do, 10. September 2020 um 09:06 Uhr

Ausland

In seiner Villa gingen Genossen und Verwandte ein und aus. Jetzt liegt Silvio Berlusconi mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Die Folge: Ungewohnte Solidarität und familiäre Verwerfungen.

Es wirkte wie eine Flucht. Aus Mailand und der Lombardei drangen Ende Februar die Schreckensnachrichten beinahe im Stundentakt. Die Regierung in Rom hatte den Ausnahmezustand verhängt und die ersten roten Zonen im Norden des Landes eingerichtet. Da vernahm das geschockte Italien eine nur allzu bekannte Stimme aus Südfrankreich. Von Silvio Berlusconi, dem viermaligen Ministerpräsidenten, Medienmagnaten und umstrittenen Zampano der italienischen Politik.

Er sei nie so stolz gewesen, Italiener zu sein, wie jetzt in der Not, ließ der 83-Jährige wissen. "Gott möge uns helfen", sagte er und spendete großzügig zehn Millionen Euro für das Notkrankenhaus, das für die vielen Corona-Kranken damals in Mailand gebaut werden sollte. Längst hatte Berlusconi sich da aus seiner Villa in Arcore bei Mailand in das Anwesen seiner Tochter bei Nizza abgesetzt.

In seiner Villa soll Mitte August eine Party gestiegen sein

Dann nahm Corona mit bislang mehr als 280 000 Ansteckungen und mehr als 35 000 Toten in Italien seinen Lauf. Den Sommer über blieben die Neuansteckungen niedrig, bis das Land im August vom Abstandhalten offenbar die Nase voll hatte, die Zahlen stiegen an. Die Menschen, insbesondere die Jugend, mischte sich wieder munter. Berlusconi war im Sommer aus Südfrankreich in seine Luxus-Villa auf Sardinien übergesiedelt und genoss dort das Leben. Bis vor einer Woche der Corriere della Sera auf Seite 1 titelte "Berlusconi positiv: Mir geht es gut".

Der Multimillionär, der immer noch mitmischt im römischen Politikbetrieb, hatte sich aus Sorge vor einer Ansteckung regelmäßig testen lassen. Offenbar mangelte es wie immer auch nicht an Besuch in der prachtvollen Villa Certosa. Freunde, Parteigenossen, Familienmitglieder gaben sich die Klinke in die Hand. Am 14. August soll gar eine Party gestiegen sein.

Nach mehreren negativen Ergebnissen folgte am 2. September ein Rachenabstrich mit positivem Resultat. Zunächst beschwichtigte der Betroffene selbst, es gehe ihm ausgezeichnet, Symptome habe er nicht. Das passte zum Bild des unbesiegbaren Erfolgsmenschen, das Berlusconi gerne selbst von sich zeichnet. Zwei Tage später riet sein Leibarzt Alberto Zangrillo dann aber doch zur Einlieferung ins Krankenhaus.

Ungewohnte Solidarität für den ehemaligen Cavaliere

Die Diagnose: beidseitige Lungenentzündung, allerdings ohne künstliche Beatmung. Sein Zustand sei stabil und gebe keinen Anlass zur Sorge, heißt es bis heute. "Ich kämpfe gegen diese teuflische Krankheit", sagte der Politiker in einer Telefon-Schalte mit den Senatoren von Forza Italia am Dienstag.

Als die Nachricht von Berlusconis Corona-Ansteckung die Runde machte, reagierte die Politik mit seltenen Solidaritätsbekundungen, wenn es um den ehemaligen Cavaliere geht. Der war bekanntlich 2013 definitiv wegen Steuerbetrugs verurteilt worden, sein Ehrentitel "Cavaliere" wurde ihm aberkannt, nicht wenige machen den Ex-Premier auch für einen angeblichen moralischen Verfall im Land verantwortlich. Selbst die Protest-Partei Fünf-Sterne-Bewegung, die inzwischen mit den Sozialdemokraten an der Regierung ist und versucht, das nicht korrumpierbare Italien zu vertreten, wünschte dem Patienten schnellstmögliche Genesung.
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"Ich hoffe, er erholt sich bald und kämpft auch diese Schlacht mit der Kraft, die ihn stets auszeichnete", sagte der ehemalige Fünf-Sterne-Chef und derzeitige Außenminister Luigi Di Maio. Wer wusste, mit welchen Adjektiven die Jünger des Sterne-Gründers Beppe Grillo Berlusconi in der Vergangenheit schon bedacht hatten, der musste sich die Augen reiben. Auch Luca Zingaretti, von Corona genesener Chef der regierenden Sozialdemokraten, wünschte gute Besserung. Ministerpräsident Giuseppe Conte meldete sich persönlich.

Wo hat er sich angesteckt?

Was bleibt, ist die wohl nicht endgültig zu lösende Frage, wer denn Berlusconi angesteckt haben könnte. Letztlich könnte der Politiker in die Falle getappt sein, vor der viele Experten warnen: Es sind derzeit vor allem die Jüngeren, die sich anstecken und damit ein Risiko für die ältere Generation darstellen. Zunächst fiel der Verdacht auf den ehemaligen Formel-1-Manager und Unternehmer Flavio Briatore, der Berlusconi Mitte August auf Sardinien besucht hatte und später positiv getestet wurde. Briatores Nobel-Disko Billionaire in Porto Cervo entpuppte sich als großer Corona-Ansteckungsherd.

In der Folge rückten Berlusconis Kinder aus zweiter Ehe, Barbara (36) und Luigi (31), in den Fokus, die sich bei einer Vergnügungsfahrt auf Capri angesteckt hatten. Auch Berlusconis neue Lebensgefährtin, die Forza-Italia-Abgeordnete Marta Fascina (30), hat Covid-19.

Der Familienfrieden bei den Berlusconis scheint gestört. "Irgendjemand hat sich unverantwortlich verhalten", soll Berlusconis Erstgeborene und Präsidentin der Familien-Holding Fininvest, Marina (54), intern geschimpft haben. Vor allem für die Reputation von Berlusconis Leibarzt Zangrillo, den Chef der Intensivmedizin im San-Raffaele-Krankenhaus, ist die Angelegenheit fatal. Er hatte im Juni das Virus für "klinisch tot" erklärt.