Albert-Konzert

Wie klingt Romantik historisch informiert? Philippe Herreweghe dirigierte in Freiburg

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 15. November 2019 um 19:19 Uhr

Klassik

Romantik in historischer Aufführungspraxis: Philippe Herreweghe, Isabelle Faust, Christian Poltéra und das Orchestre des Champs-Élysées mit Brahms und Dvorák beim Freiburger Albert-Konzert.

Zwei Werke vom Ende des 19. Jahrhunderts – und doch kein Fin de siècle. Entstanden 1887 und 1889 repräsentieren Johannes Brahms’ Doppelkonzert a-Moll für Violine und Violoncello und die achte Sinfonie G-Dur seines Freundes und Protegés Antonín Dvorák ganz klar das Ideal einer Romantik fernab der Brüche und harmonischen Auflösungen, die sich am Horizont schon andeuten. Was aber heißt da historisch informiertes Musizieren?

Philippe Herreweghe und sein Orchestre des Champs-Élysées geben bei ihrem Auftritt bei den Freiburger Albert-Konzerten im voll besetzten Konzerthaus gleich mehrere Antworten. Die sichtbarste lautet: Die tradierte "deutsche" Sitzordnung des 19. Jahrhunderts umsetzen – mit ersten und zweiten Violinen, dialogisch, links und rechts, den Bläsern hinter den Celli und Bratschen in der Mitte und ganz hinten, zentralperspektivisch, den Kontrabässen (so wie es die Wiener Philharmoniker bis in die Gegenwart pflegen).

Mit Blick auf den Gesamtklang, zweite Erkenntnis, bedeutet das freilich auch, dass es nicht einfach um die Balance steht. Wie schon vor drei Jahren, als das Orchester mit einem Beethoven-Programm aufwartete, legt sich der Holzbläserklang manchmal eine Spur zu dick über die Streicher, denen man, insbesondere beim Brahms-Konzert, mehr Strahlkraft wünschte. Doch, dritte Erkenntnis, womöglich sind unsere Ohren hier zu sehr vom modernen Orchestersound beeinflusst. Der Klang der mit Darmsaiten bespannten Streichinstrumente ist weicher, aber auch weniger brillant. Und: In den, zumeist mit mehr Holz unterfütterten, kleineren Konzertsälen des 19. Jahrhunderts dürften die scharfen Kontraste besser abgefedert worden sein.

Nach kleineren Homogenitätsproblemen im ersten Satz wächst das Brahms-Konzert mit seinen herrlich filigranen kontrapunktischen Strukturen zur lyrischen Kostbarkeit heran. Isabelle Faust gefällt mit ihrem empfindsamen, allerdings auch sehr zurückhaltenden Violinton, Christian Poltéra, relativ kurzfristig eingesprungen, fügt sich respektabel in die korrespondierenden Brahms’schen Girlanden-Ketten ein. Mehr noch überzeugen beide mit der Zugabe – dem langsamen Satz aus Schumanns Violinkonzert in einer Bearbeitung Benjamin Brittens.

Dass Böhmen nicht an den Champs-Élysées liegt, ist klar. Dennoch gelingen dem sehr chorisch dirigierenden Herreweghe und dem vor allem bei den Bläsern sehr gut besetzten Orchester eine bewegende Interpretation der warm das tschechische Musikidiom widerspiegelnden achten Sinfonie. Primär die Melancholie des Walzer-Satzes mit den subkutanen Holzbläserkontrapunkten im Trio und das rhapsodische Finale vermögen zu begeistern. Großer Beifall.