Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Wie man einen alten Schwarzwaldhof wieder zum Leben erweckt

Mi, 26. Juni 2019 um 12:16 Uhr

Anzeige Zehn Jahre lang haben Martina Albrecht, ihr Mann Holger und dessen Bruder Oliver den alten Windberghof bei St. Blasien restauriert. Hier leben sie fast wie im 19. Jahrhundert.

Der Windberghof. Von St. Blasien zwanzig Minuten zu Fuß durch dichten Wald. Bis die Bäume einer struppigen Weide weichen, darauf eine Herde Ziegen. Dort steht der mächtige Eindachhof. Trotz der imposanten Größe scheint das alte Haus mit der Umgebung verschmolzen, als sei es aus dem Berg gewachsen. Wären da nicht der Strommast und eine Solaranlage, man fühlte sich wie im 19. Jahrhundert. Was so falsch nicht ist. Aus dieser Zeit stammt der Windberghof, erbaut 1853.

150 Jahre später kauften ihn Martina Albrecht, ihr Mann Holger und dessen Bruder Oliver vom Land Baden-Württemberg: "Heruntergekommen, verschandelt und vermüllt", sagt Oliver. Und sie begannen, das Gebäude zu restaurieren, es "zurückzuführen zum Original", wie sie es ausdrücken. "Zehn Jahre haben wir von früh bis spät renoviert und die Landwirtschaft aufgebaut", sagt Windhofbauer Holger, 47 Jahre. "Zehn Jahre lang hatten wir kaum Geld", erklärt die ein Jahr jüngere Martina. "Zehn Jahre musizierte ich kaum", resümiert der 49-jährige Oliver, dabei ist er Akkordeonlehrer. Zehn Jahre. Bis der Hof aussah, wie sie es wollten: So wie früher.

Zurück zum Original

Gemeinsam sitzen die Albrechts in der Stube, die nach Bauernhofmuseum aussieht, aber belebt ist: Im Eck ein Kachelofen, im Winkel ein Holztisch mit Holzbank. Aus Holz auch Dielen und Fenster. Die Wände ebenfalls: Aus Holz. "Schau mal aus dem Fenster", sagt Oliver: Alles Holz. "Der Schwarzwald ist eine Holzhausgegend und der Schwarzwaldhof passt in diese Landschaft", sagt er: "Über Jahrhunderte hat sich der Haustyp herausgebildet. Er symbolisiert unsere Region." Das ausladende Walmdach als Wetterschutz, darunter Stall und Wohnteil.

Die Widrigkeiten der Höhenlandwirtschaft, das raue Klima, die Topographie – die äußeren Bedingungen haben Aussehen und Funktion des Schwarzwälder Eindachhofs beeinflusst. Aber auch umgekehrt: "Das Schwarzwaldhaus prägt die Landschaft", sagt Oliver, "es stört nicht, es fügt sich ein." Er sitzt am Tisch, strahlt, und berührt sachte die rissigen Holzwände. Diese hatte irgendein Vorbesitzer dick lackiert, ein anderer nagelte vermutlich in den 1930ern eine Täfelung drüber, auf die Tannendielen kam Parkett.

Aufwendige Restaurierungsarbeiten

Man habe all das – natürlich! – entfernt. Und nicht nur: "Jedes Zimmer war kaputt, das Haus praktisch eine Ruine", erinnert sich Holger. Marode Balken wurden erneuert, Bretter getauscht, die Fundamente neu gegossen. Kaputtes ersetzten die Albrechts mit Recyclingmaterial: "Alte Fenster, Türen, Böden oder Balken haben wir woanders ab- und hier eingebaut." Die abgebrochene Kreissparkasse aus St. Blasien etwa ist in Teilen auferstanden. Deren uralte Balken bilden die Ständer-Bohlen-Konstruktion des Leibgedinghauses. Apropos Geld: "Wir haben alles selbst gemacht. Ohne Handwerker. Es wäre nicht anders gegangen, wie soll man das sonst bezahlen?"

Die Albrechts zahlten dennoch: Mit Arbeitskraft und Zeit. Die beiden Söhne von Martina und Holger wurden auf einer Baustelle groß, bald ziehen sie aus. Holger, studierter Agrarwissenschaftler, arbeitete neben der Restaurierung als Kontrolleur für ökologischen Landbau, Martina jobbte im Sportgeschäft und Oliver als Musiklehrer. "Zwischendrin habe ich mir schon gedacht: Warum bloß tun wir uns das an?", erinnert sich Martina.

Etwa als sie mit Kaltblutpferd Wassili riesige Steine aus dem Stallboden wuchteten, um Licht und Raum für die Tiere zu schaffen: "Wir haben drei Monate im Stall gegraben und 400 Tonnen Kies für die Fundamente verarbeitet." Zuerst richteten sie eine komplette Zimmerei und Schlosserei ein, "um alles selbst machen zu können." Fachwissen lernten sie aus Büchern oder von befreundeten Handwerkern. Auch Dorfbewohner halfen. "Ich habe früher Triathlon gemacht," sagt Holger, "aber während der Sanierung stieß ich an körperliche Grenzen."

Und warum tut man sich das an? "Das ist einfach", antwortet Holger: "Martina und ich wollten Landwirtschaft machen, Oliver wollte einen alten Hof." - "Es war mein Traum, einen Schwarzwaldhof zu richten", schiebt dieser nach: "Unser Opa hatte einen Hof in Spaichingen auf der Baar." Dort hatten die Brüder das Landleben lieben gelernt, die Arbeit mit Tieren. Draußen in der Natur sein.

Tradition erhalten

Für Oliver ist das Haus ein Wert an sich, er wolle diese Baukultur erhalten: "Es gibt einem viel zurück. Man lässt sich ein auf die Jahreszeiten und die Landschaft." Leider sei diese Baukultur im Schwarzwald fast verschwunden. Alte Häuser würden aufgegeben, obwohl sie nicht baufällig wären. Wie die jetzigen Nebengebäude des Windberghofs. Den Speicher fand Oliver in einem abgelegenen Tal: "Die Besitzer wollten den anzünden, da habe ich gesagt, ich nehme ihn lieber mit." Er schüttelt den Kopf: "Die Familie lebt seit ein paar hundert Jahren auf dem Hof, aber sie interessiert nicht, was ihre Urväter gebaut haben. Dabei braucht der Mensch eine regionale Identität."

Auf dem Windberghof verwirklichen sie ihre Ideale einer ökologischen Landwirtschaft. Nach der Lehre als Industriekaufmann war Holger klar, "dass ich nicht von falschen Werten fremdbestimmt leben will." Als Bauer könne er relativ frei sein. Er war 21, als er die Ausbildung zum Landwirt begann und Martina kennen lernte, damals Schreinerin. Danach studierte er Agrarwissenschaft. Das Paar pachtete einen Hof im mittleren Schwarzwald, zu klein zum Leben. Dann fanden sie den Windberghof.

Einfach ist das einfache Leben dort allerdings nicht. Nicht, wenn man auf 1000 Metern Höhe Landwirtschaft im Vollerwerb betreibt. Nicht, wenn man der Idee verfallen ist, schwere Arbeiten lieber mit fünf Ardennerpferden zu erledigen, statt mit Maschinen – soweit es geht. Und nicht mit derart kargem Land. "Bodenklasse 12", sagt Holger: "Schlechter geht"s kaum." Die Magerweiden liefern weniger Nährstoffe: "Deshalb melken wir nur einmal am Tag." Die Herde besteht aus 35 Milchziegen und 55 Geißlein. Im Stall stehen die Vorderwälderkühe Sissi, Amelie, Bärbel und Juli.

Das Leben auf dem Windberghof

Aus der Milch macht Martina Quark, Frischkäse oder Hartkäse. Wird geschlachtet, gibt es Ziegenfleisch. Einmal in der Woche ist Markt unten in St. Blasien: Den Stand transportiert Martina mit dem Fahrradhänger, das Rad haben sie immerhin zum E-Bike aufgerüstet: "Früher bin ich gestrampelt", grinst sie. "Inzwischen leben wir von der Landwirtschaft", sagt Martina. Es gibt aber auch unerwartete Einkünfte: Filmproduzenten schätzen den Windberghof als authentische Kulisse. Zwei Filme wurden gedreht und jüngst ein Schwarzwald-Tatort.

Martina und Holger leben mit den Söhnen im ersten Stock, Oliver unten. Sie teilen viel und kochen gemeinsam, führen aber getrennte Leben. Seit das Haus fertig sei, musiziere er wieder, sagt Oliver: "Ich genieße es. Seit drei Jahren habe ich kaum am Hof gewerkelt." Pause muss sein.

Die Albrechts schätzen das einfach Leben auf dem Windberghof: Geheizt wird mit Öfen, das Wasser kommt aus der Quelle. Ein Leben wie vor 150 Jahren führen sie ja nicht: Es gibt Telefon, Internet, Jazz aus Olivers Stereoanlage – und seit kurzem eine Spülmaschine: "Wir wollen ehrlicher leben", sagt Holger, "aber wir sind nicht weltfremd." "Wenn ich bei Freunden bin, und die haben es warm ohne einzuheizen, überlege ich manchmal wie es wäre, eine Heizung zu haben", sagt Oliver. "Aber das könnte ich nicht." Es würde, sagt er, zu viel von dem Lebensgefühl nehmen. "Die Erfahrung von Temperatur, von Feuer, Kälte und Wärme ist elementar. Und darum täte ich mich bringen." Wäre doch schade drum.
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