Wilde Sprints und verbotene Fressattacken

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Fr, 20. März 2020

Nordische Kombination

Der Nordische Kombinierer Fabian Rießle beendet die Weltcup-Saison als Gesamtfünfter und will mit deutlich weniger Nascherei durchs Frühjahr kommen.

KIRCHZARTEN. Es ist ein Traumtag über den Dächern von Kirchzarten. Die Sonne strahlt, tiefenentspannt sitzt Fabian Rießle auf dem Balkon. Das T-Shirt liegt zerknittert über der Stuhllehne, der durch langjähriges Training auf Schanze und Loipe definierte Sixpack unter dem Brustkorb ist noch winterweiß. Der 29-jährige Nordische Kombinierer der SZ Breitnau, aufgewachsen in St. Märgen, seit anderthalb Jahren daheim in Kirchzarten, genießt das Nichtstun nach einer strapaziösen Saison. Weit, weit weg, irgendwo auf der Welt, wollte er jetzt sein mit seiner Lebensgefährtin, der ehemaligen Weltklasse-Langläuferin Sandra Ringwald. Doch draußen vor der Tür ist Corona-Land, überall. Rießles Insel ist jetzt der Balkon. Der Flugbetrieb ruht. Auf der Schanze und in der Luft.

Rießle blinzelt über den Rand der Sonnenbrille in die Mittagssonne, den Handy-Lautsprecher auf "laut". Das Kaffeehaus-Gespräch mit der BZ ist dem C-Mindest-Abstand zum Opfer gefallen, aber reden lässt sich auch per Videotelefonie über Whatsapp.

"Ich hab’ ein

Süßigkeiten-Problem."

Fabian Rießle über Sehnsüchte
"Eigentlich bin ich positiv", sagt Rießle und fängt die Doppeldeutigkeit sofort wieder ein, "natürlich rein sportlich". Die Hoffnung auf einen Weltcup-Einzelsieg habe sich für ihn in diesem miserablen, von extremer Schneearmut geprägten Winter nicht erfüllt. Das Beste gab es für den 29-jährigen Team-Olympiasieger und amtierenden Zweiersprint-Weltmeister zum Schluss: In Oslo stürmte Rießle auf Rang zwei, hinter dem überragenden Dominator: Der Norweger Jarl Magnus Riiber, wie in der vergangenen Saison überlegen Weltcup-Gesamtsieger, gewann auch das letzte Rennen der Saison und feierte damit seinen 14. (!) Weltcup-Einzelsieg. Nach dem Springen lag Rießle noch auf Rang acht – und raste auf Skatingskiern am Holmenkollen furios nach vorn. "Ich war hochmotiviert", erinnert sich der Wahl-Kirchzartener, "ich wollte einfach noch mal zeigen, was ich drauf hab." Und das unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das für vergangenes Wochenende geplante Weltcup-Finale in Schonach war zu diesem Zeitpunkt schon wegen akuten Schneemangels abgesagt. "Wenn die Schonacher es dennoch geschafft hätten, Schnee auf die Langenwaldschanze und die Weltcup-Strecke im Wittenbachtal zu karren, wäre das Finale halt wegen des Corona-Virus abgesagt worden", sagt Rießle. So blieb nur Oslo. Und ein Rennen vor gähnend leeren Rängen. "Es war still, sehr still", erinnert sich der Kombinierer der SZ Breitnau an seine wilde Hatz über zehn Kilometer aufs Siegerpodest, "da war einfach niemand an der Strecke". Laut wurde es trotzdem, dank einer rasanten Herzschlagrate. "Ich hab’ meinen Puls gehört" , erinnert sich Rießle "ich wusste, dass da was geht".

Rang zwei hinter Riiber sei für ihn ein versöhnlicher Saisonabschluss, in der Weltcup-Gesamtwertung schob sich der Hochschwarzwälder noch an dem Norweger Espen Björnstad vorbei auf Rang fünf. Bei den Einzelweltcups in Lillehammer und Ramsau war Rießle jeweils Dritter, im Teamsprint und Vierer-Mannschaftswettbewerb landete er zweimal auf Rang zwei, dazu kamen eine Handvoll vierte und fünfte Plätze. "Eigentlich bin ich zufrieden mit der Saison", sagt Rießle und bittet um eine kurze Unterbrechung des Gesprächs mit dem BZ-Menschen, "die Sonnencreme, sorry, hab’ ich vergessen, ich muss mich kurz mal eincremen." Das geht fix, die Leitung bleib offen und schon ist "Rio" wieder online auf Draht.

Die Eincremerei zeigt Wirkung. Der Sixpack glänzt. Doch Rießles Gelassenheit ist plötzlich dahin. Im Blick zurück auf die Saison sieht er, ganz ohne Sonnenbrille, Schattenseiten: "Auf der Schanze waren wir Deutschen nicht konkurrenzfähig." Der Leichtigkeit der norwegischen Kombinierer um Jarl Magnus Riiber, der den Flugbetrieb auf den Schanzen im erdnahen Raum nach Belieben kontrollierte und dominierte, hatten Rießle und seine DSV-Kollegen meist nur biedere Hüpfer entgegenzusetzen, mit denen sie sich vor dem Start in die jeweiligen Langlaufrennen satte Zeitrückstände einhandelten, die auf der Skatingpiste gegen den auch auf zwei schmalen Latten zum Über-Riiber gereiften Norweger fast nie aufzuholen waren. Nur gut also, dass es sich um einen Zwischenwinter handelte, "entscheidend ist der nächste Winter", weiß Rießle. Die Heim-WM in Oberstdorf ist sein Ziel. Die steht im Februar 2021 an, falls Covid-19 bis dahin besiegt oder wenigstens eingedämmt ist.

"Ich weiß, dass ich extrem Gas geben muss", sagt Rießle mit Blick auf die WM, "die Schanze ist meine große Baustelle". Seine Flugkurven müssten länger werden, nur so lasse sich der Rückstand auf Riiber verringern. Leicht wird das nicht. Die DSV-Kombinierer müssten abspecken, so Forderungen aus Kombinierer-fernen Foren.

Hand aufs Herz, haben Sie ein Gewichtsproblem? "Ach nö", sagt Rießle, "ich hab’ ein Süßigkeiten-Problem". Nach einer Saison voller Zurückhaltung und ernährungstechnischer Selbstkasteiung, mit einem Wettkampfgewicht am untersten Limit dessen, was der Körper noch nicht als Folter empfinde und mit Leistungseinbußen kontere, sei es extrem schwer, diszipliniert zu sein. In den vergangenen Jahren habe er nach dem Wettkampfwinter erst einmal gefuttert, was er kriegen konnte. "Das war ein völliges Reinfressen, Kuchen, Kekse, Süßigkeiten, all solches Zeug". Vier, fünf Kilogramm Körpergewicht habe er dann binnen kürzester Zeit zugelegt. Im Corona-Frühjahr 2020 soll mit dieser Süßigkeiten-Vernichtungsaktion Schluss sein. "Ich ruf’ mich zur Ordnung", verspricht Rießle, "ich will mein Wettkampfgewicht über den Sommer halten".

Ende April soll für die DSV-Kombinierer wieder die Trainingsarbeit beginnen, mit einem Lehrgang der Nationalmannschaft in Deutschland. Ein Plan, den Bundestrainer Hermann Weinbuch noch vor dem bundesweiten, durch den Corona-Virus bedingten Stillstand des öffentlichen Lebens, aufgestellt hat. Ein Plan, vielleicht für die Tonne.