"Wir kommen nicht mehr nach"

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Mo, 23. März 2020

Ausland

Bald kann das spanische Gesundheitssystem nicht mehr alle Covid-19-Kranken behandeln.

MADRID. Schon die nüchternen Zahlen über das sich in Spanien verbreitende Coronavirus Sars-CoV-2 zeigen den Ernst der Lage: 28 572 sind nachweislich infiziert, 1720 Infizierte tot, 1785 Menschen liegen auf der Intensivstation. Die Zahl der Intensivpatienten stieg binnen eines Tages um 173, die der Toten um 394.

"Zurzeit kann man nicht allgemein sagen, dass es einen Kollaps der spanischen Intensivstationen gibt", sagt der Arzt Pedro Rascado von der Uniklinik in Santiago de Compostela der Nachrichtenagentur Efe. "Aber es gibt Krankenhäuser, die in einer komplizierten Lage sind." Die spanische Gesellschaft für Intensivmedizin hat deshalb einen ethischen Leitfaden herausgegeben, der Ärzten in der Not helfen soll, schwierigste Entscheidungen zu treffen. "Eine Person aufzunehmen, kann bedeuten, einer anderen Person, die davon mehr profitieren würde, die Aufnahme zu verweigern", heißt es darin. Das Prinzip "Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt", müsse vermieden werden. Unter zwei ähnlichen Patienten müsse derjenige bevorzugt werden, der voraussichtlich mehr gute Lebensjahre vor sich habe. Weil viele spanische Kliniken am Rande der Belastbarkeit arbeiten, die Zahl der schwer Erkrankten aber voraussichtlich steigen wird, dürften solche Entscheidungen öfter getroffen werden. In Spanien ist die Zahl der an Covid-19 Gestorbenen im Verhältnis zu den nachweislich Corona-Infizierten besonders hoch. Derzeit liegt die Quote bei sechs Prozent.

Laut Experten liegt das daran, dass viel mehr Menschen infiziert seien als getestet wurden. Dies überzeichne die Sterblichkeitsrate des Virus. Dass so viele Menschen sterben, ist auch Folge des jetzt schon überforderten Gesundheitssystems in Spanien. Die Berichte aus den Kliniken sind herzerweichend. "Ich habe nie etwas Ähnliches erlebt", sagt ein Intensivmediziner aus der Madrider Vorstadt Getafe der Zeitung El País. "Wir kommen nicht mehr nach." Fachleute fordern per Petition, die seit einer Woche geltende Ausgangsbeschränkungen zu verschärfen.