Zustimmung und Schockstarre

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Fr, 08. November 2019

Mountainbike

Stimmen zum Ultrabike-Aus im Jahr 2020: Olympiasieger Georg Thoma wirbt um Verständnis für den Schutz des Auerhuhns.

TITISEE-NEUSTADT. Nichts währt ewig. Diese Erfahrung mussten jetzt die Veranstalter des Kirchzartener Black-Forest-Ultra-Bike-Marathons machen. Der Mountainbike-Klassiker, der 1997 erstmals ausgerichtet wurde und alljährlich bis zu 5000 Grobstollenpiloten anlockt, fällt im kommenden Jahr aus, weil es keine Genehmigung für die insgesamt fünf Strecken gibt, die durch Auerhuhn-Schutzgebiete führen. Die Reaktionen auf die Absage schwanken zwischen Schockstarre und Zustimmung für die Belange des Tierschutzes.

Andrea Gutmann, Rennstallchefin des Freibuger Pilsner-Merida-Teams aus Breitnau: "Ich bin erschüttert und schockiert. Es darf einfach nicht wahr sein, dass der Ultrabike 2020 ausfällt. Mensch und Tier passen im Schwarzwald doch wunderbar zusammen. Wenn das so kommt, dass wir Sportler und Mountainbiker gar nichts mehr in der freien Natur machen dürfen, dann könnte man auch den Nordic-Walking-Gipfel in Breitnau einfach sein lassen. Es ist doch wunderbar, mit Menschen, die die gleichen Interessen haben gemeinsam in der Natur unterwegs zu sein, sei es auf dem Mountainbike, zu Fuß oder auf Skiern. Der Kirchzartener Ultra-Bike-Marathon ist ein herausragendes Event, das sich weit über den Schwarzwald hinaus einen Namen gemacht hat. Das Auerhuhn wird nicht aussterben, weil an einem Tag im Jahr die Ultrabiker durch sein Revier fahren. Den Tieren wird’s doch irgendwann langweilig, wenn um sie herum gar nichts mehr passiert."

Matthias Bettinger, Ultrabike-Sieger 2012: "Mir fehlen die Worte. Als Marathon-Rennfahrer im Hochschwarzwald ist der Ultrabike jedes Jahr das absolute Highlight. Wenn das wegfällt, ist da eine große Lücke, eine Leere. Es ist einfach krass. Ich bin nicht oft sprachlos, aber ich weiß gar nicht, was ich zu dieser Absage sagen soll. Gerade, wenn man das Rennen wie ich schon gewonnen hat, hat das noch mal einen anderen Stellenwert im gesamten Saisonaufbau. Natürlich ist es wichtig, das Auerhuhn zu schützen. Aber es gibt sicher noch andere Gründe, warum es so schwierig ist, eine Veranstaltung wie den Ultrabike im Schwarzwald zu organisieren und zu planen. Da sind so viele Helfer, die sich mit Herzblut engagieren und dann werden die ausgebremst, weil Wild- und Privatwaldbesitzer das Ganze zum Kippen bringen. Das ist momentan ein generelles Problem in der Gesellschaft, dass man erst mal immer dagegen ist. Aber ganz klar ist: Ich hab’ keinen Hass auf Auerwild. Das sind wunderschöne Tiere, die ihren Lebensraum brauchen."

Simon Stiebjahn, fünfmaliger MTB-Bundesliga-Gesamtsieger, 2015 Sieger auf der Powertrack-Strecke beim Ultrabike: "Als Sportler bin ich schockiert über diese Absage. Es ist jammerschade, dass es im kommenden Jahr das größte Mountainbike-Event der Region nicht geben wird. Der Ultrabike ist ein Aushängeschild in Sachen Mountainbike im und rund um den Hochschwarzwald. Dass es zu keiner Einigung mit dem Natur- und Tierschutz kam, ist herb. Die Bedeutung dieses herausragenden Rennens, das der Ultrabike ja seit mehr als zwei Jahrzehnten ist, wird von Behördenseite vielleicht nicht richtig akzeptiert.

Ich bin für Naturschutz und war schon als Kind mit meinem Vater viel im Wald rund um Titisee-Neustadt unterwegs. Die Natur ist schützenswert, zu hundert Prozent. Aber es muss ein Miteinander geben zwischen Radfahrern, Wanderern und dem Naturschutz. Es wird immer schwieriger, ehrenamtlich so eine Veranstaltung zu planen und genehmigt zu bekommen."

Georg Thoma (82), Olympiasieger, früher regelmäßig beim Ultrabike am Start: "Natürlich ist es schade, dass der Ultrabike angesichts seiner Strahlkraft und der vielen Teilnehmer im kommenden Jahr ausfällt. Auf der anderen Seite verstehe ich auch, dass der Ultra jetzt auch mal nicht staffindet. Ich bin gut befreundet mit vielen Funktionsträgern aus dem Naturschutz und dem Forst. Es gibt gute Gründe, das Auerhuhn zu schützen. Das finde ich absolut in Ordnung. Ich bin früher oft beim Ultra-Bike-Marathon mitgefahren und es war für mich immer ein besonderes Erlebnis. Wir müssen endlich damit anfangen, die Natur zu schützen. Die Absage des Ultrabike für 2020 ist ein unbequemes aber richtiges Signal."

Ottmar Heiler, Löffinger Leichtathletik-Urgestein und Jäger: "Der größte Sportplatz Deutschlands ist der Wald. Der Ultrabike ist eine Prestige-Veranstaltung für den Schwarzwald. Aber heute muss man sich auch um die Umwelt kümmern. Da muss man einen verträglichen Kompromiss suchen. Ich bin mir sicher, dass sich das machen lässt mit veränderten Strecken beim Ultrabike, die nicht durch Faunaschutzgebiete führen. Der Ultrabike ist mit bis zu 5000 Startern der größte Breitensport-Klassiker, den es im Schwarzwald gibt. Der Ultrabike muss im Jahr 2021 weiterleben. Der Schwarzwald und die Region um Kirchzarten ist eine nationale Mountainbike-Hochburg. Das darf man nicht kaputtmachen."

Adelheid Morath, Weltklasse-Mountainbikerin aus St. Märgen: "Ich find’ es einfach schade, dass das Rennen 2020 nicht stattfinden kann. Der Ultrabike wäre einfach schön für die Region. Für die Radsportler und die Zuschauer ist das ein tolles Event. Aber wenn der Ultra jetzt wegen das Auerhuhns abgesagt wird, muss man das halt akzeptieren, so schwer das im Moment ist."

Gerrit Müller, Vorsitzender des Auerhuhn-Hegerings Freiburg: "Je weniger Auerhühner es im Hochschwarzwald gibt, desto schärfer werden die Maßstäbe, die der Natur- und Tierschutz anlegt. Mir persönlich tut es sehr leid, dass der Ultrabike im kommenden Jahr dieser Regelung zum Opfer fällt. Der Ultra war und ist seit vielen Jahren ein perfekt organisiertes Rennen. Das sind keine Verrückten, sondern tolle Sportler, die da am Start stehen. Dass die Enttäuschung jetzt riesengroß ist, kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber ich bin überzeugt, dass es 2021 eine Lösung geben wird, den Ultrabike weiterleben zu lassen."