"Wir sind glimpflich davongekommen"

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Mo, 08. Juni 2020

Skilanglauf

Für den Skilangläufer Janosch Brugger hat das Sommertraining begonnen – der Schwarzwälder Naturbursche gibt sich auch in Corona-Zeiten gelassen.

. Vieles ist derzeit anders und schwieriger als sonst, vieles noch unsicher – doch Janosch Brugger hadert nicht mit den Verhältnissen in Corona-Zeiten. "Wir sind relativ glimpflich davongekommen", sagt er. Mit "wir" meint der Lenzkircher die Skilangläufer. Als Individualsportler konnten er und seine Kollegen und Kolleginnen sich zumindest solo fit halten. Dass er dabei immer "an die Luft" durfte, war dem Hochschwarzwälder Profisportler wichtig.

Im Mai starten die leistungsorientierten Langläufer traditionell in die Vorbereitung auf die kommende Wintersaison. Denn Wintersportler werden im Sommer gemacht, das gilt auch in der derzeitigen Ausnahmesituation. Als noch kein Gruppentraining erlaubt war, ging Janosch Brugger allein oder mit Freundin Pia Fink, die wie er der Lehrgangsgruppe 1a des Deutschen Skiverbands (DSV) angehört, radeln, laufen oder "Skirollern" und freute sich dabei über das "Wetterglück". Im Keller ihrer Wohnung in Fischen im Allgäu richteten sich beide einen provisorischen Kraftraum ein und stemmten dort Gewichte. Seit rund drei Wochen können sie sich wieder im Olympiastützpunkt Oberstdorf schinden und inzwischen ist auch wieder Gruppentraining möglich.

Mehr Planung und Organisation durch Corona

Alle sind froh über die herbeigesehnten Lockerungen. Von den Ärzten sei man "gut geschult" worden, erzählt Brugger, der am Wochenende 23 wurde. Die Hygiene- und Abstandsregeln würden mehr Planung und Organisation erfordern, etwa für den Rücktransport der bis zu 15 Langläufer und -läuferinnen vom Berg nach anstrengenden Skirollereinheiten mit vielen Höhenmetern. Doch auch das bekommen die drei Trainer hin, sagt der Vorzeigeathlet der WSG Schluchsee anerkennend.

Nicht hinzubekommen war das geplante Gletschertraining in Norwegen, wo die Grenzen für Ausländer weiterhin geschlossen sind. Statt der denkbaren Alternative Dachstein-Gletscher entschied man sich beim DSV für die Skisporthalle in Oberhof. Der erste Lehrgang dort wird zweigeteilt, berichtet Janosch Brugger: Zuerst sind die Frauen dran, nach einer Woche erfolgt Mitte Juni der Wechsel und die Männer beziehen die gebuchten Ferienwohnungen. Später steht in der Schweiz "eine Woche Pässe rollern" in Goms auf dem Plan.

Dass beim Skitraining in der Halle der geforderte Sicherheitsabstand zum Problem werden könnte, befürchtet der Sprint-Juniorenweltmeister von 2017 nicht: Die Oberhofer Indoor-Standardrunde sei mit 1,4 Kilometern lang genug, um Gedränge zu vermeiden. Die Aussicht auf stundenlanges Kreiseln unterm Dach über mehrere Tage löst beim naturverbundenen Schwarzwälder verständlicherweise nicht gerade Begeisterung aus. "Es ist ein anderes Laufen, einfach stumpfes Laufen und es sind halt Wände um dich rum", beschreibt er die Gegebenheiten. Typisch für Janosch Bruggers positive Grundhaltung, dass er ebenso die Vorteile sieht: die geringe Höhe im Vergleich zum Gletschertraining und "kein Sauwetter".

Da verwundert es nicht, dass der fast immer gelassen und ausgeglichen wirkende Naturbursche auch dem "Lockdown", der Ausgangssperre, Positives abgewinnen konnte. "Alles war schön leer und entspannt", erzählt er begeistert. Die großen Runden auf dem Rennrad Richtung Kempten ohne Verkehr genoss er, ebenso die Leere ohne Touristen beim Einkaufen. Die Entschleunigung "war toll", sagt der junge Leistungssportler. Nach den Lockerungen erlebt er jetzt sogar "eher mehr Hektik" als vor dem erzwungenen Runterfahren. "Die Berge sind schon wieder so überfüllt mit Leuten", sagt er bedauernd.

Gelassen bleibt der 23-Jährige selbst beim Ausblick auf den Saisonhöhepunkt "Heim-WM". Vom 23. Februar bis 7. März 2021 soll in Oberstdorf die Nordische Ski-Weltmeisterschaft ausgetragen und zu einem Fest werden. Doch ob der Wahl-Allgäuer zu diesem Zeitpunkt tatsächlich seine zweite WM und den nächsten Glanzpunkt seiner Karriere wird erleben können, vermag er derzeit so wenig abzuschätzen wie alle anderen. Eine Absage der WM sei "nicht unwahrscheinlich", sagt Janosch Brugger nüchtern und verweist auf die WM der Alpinen. Die soll im Februar 2021 in Cortina d’Ampezzo ausgetragen werden, doch das örtliche Organisationskomitee im von der Pandemie besonders hart getroffenen Norditalien will das Großereignis gern um ein Jahr verschieben.

Viele Epidemiologen rechnen in Deutschland mit einer "zweiten Welle" an Infektionen im Herbst oder Winter. Diese könnte erneute Beschränkungen zur Folge haben. Ohnehin ist derzeit nicht absehbar, wann Großveranstaltungen mit tausenden Zuschauern wieder ohne Einschränkungen möglich sein werden. Eine Weltmeisterschaft "unter Ausschluss der Öffentlichkeit wäre nicht schön", gibt Janosch Brugger zu bedenken. Besonders im eigenen Land, wo ein begeistertes Heimpublikum seine Sportler zusätzlich pushen würde. Natürlich beschäftigt diese Unsicherheit die Athleten, doch Brugger, der sich inzwischen "schon ein bisschen als Allgäuer" fühlt, hat sich darum "noch keinen großen Kopf gemacht" – weil es nichts bringt.

Umfangsteigerung von Jahr zu Jahr

Und so trainiert er mit seinen Kaderkollegen unverdrossen weiter auf das große Ziel Heim-WM hin. Oft auf den WM-Strecken im nahen Oberstdorf wie am berüchtigten Burgstall-Anstieg. Als weitaus jüngster Athlet der LG 1a erhöhen sich Janosch Bruggers Trainingsumfänge von Jahr zu Jahr. Allerdings ohne "Megasprünge", wie er sagt. Sein Trainer Stefan Dotzler, zuständig für die Langläufer im Zoll-Skiteam, sei sehr erfahren und im engen Austausch mit Janko Neuber, dem leitenden Disziplintrainer der Männer. Und dann ist da noch die Eigenverantwortung der Athleten: Dass er bei der Umsetzung des Trainingsplans vieles selbst entscheiden könne, findet der 23-Jährige gut "zum Lernen für die nächsten Jahre". Sein derzeitiger Leistungsstand sei, auch wenn man gerade viel improvisieren müsse, vergleichbar mit dem der Vorsaison. Das Ausgangsniveau sollte passen, meint Janosch Brugger. Obwohl sein Heuschnupfen diesmal "richtig schlimm" war und juckende Augen und Nase nervten, habe er die Leistungen nicht negativ beeinflusst.

Bei aller Motivation wollen der Schwarzwälder und seine schwäbische Freundin dem harten Trainingsalltag mal noch den Rücken kehren. "Ein bis zwei Zeitfenster" gebe es für einen Urlaub, der lange nicht möglich war. Es sei wichtig, mal noch rauszukommen, "sonst wär’ die Vorbereitung sehr lang". Nach der Auszeit richtet sich der Fokus dann mit gefülltem Akku auf das große Ziel Heim-WM 2021. Die Hoffnung lebt.