Attentat von Hanau

Wir sollten den Weg der Liebe zum Leben einschlagen

Peter Spönlein

Von Peter Spönlein (Waldkirch)

Fr, 20. März 2020

Leserbriefe

Zu: "Mein Herz blutet", Agenturbeitrag (Politik, 5. März)
Das Motiv für die schreckliche Bluttat am 19. Februar als Rassismus zu erklären, ist viel zu einfach und zu oberflächlich. Der Täter war ein zutiefst unglücklicher und kranker Mensch. Was wir an einem solchen Verbrechen erleben, ist nur die extreme Spitze eines Eisberges. Der Eisberg selbst ist aber der Zustand unserer kranken Gesellschaft. Ihre Krankheit hat der Psychologe Erich Fromm schon vor 70 Jahren sehr konkret diagnostiziert und beim Namen genannt in seinem Werk "Wege aus einer kranken Gesellschaft" (1955). Aber diese Wege zur Heilung sind bis heute noch nicht bestritten worden, und die Krankheit selbst hat inzwischen in extremem Maße zugenommen.

Es wird jedenfalls nicht genügen, die "Polizeipräsenz zu erhöhen", um uns künftig vor derart extremen Verbrechen der Unmenschlichkeit zu bewahren. Die Wurzeln der Krankheit liegen bereits in unseren konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen in unserer Wirtschaft und Gesellschaft, die sich einem endlosen und toten materiellen "Fort-Schritt vom Leben" verschrieben hat, in dem Menschlichkeit, Vernunft und Seele immer mehr unterdrückt werden durch die Diktatur von Konkurrenz, Produktion, Maschinen, Geld und Konsum.

Wenn wir nicht seitens der Politik und in unserem persönlichen Leben praktische Wege einschlagen zur Gesundung des Lebens, Wege der "Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer), Wege der Liebe zum Leben, zur Natur und zum Mitmenschen, Wege zu gemeinschaftlichem Leben und Arbeiten, dann wird durch die fortschreitende Entfremdung vom Leben in der Gesellschaft Aggression und Destruktion weiterhin in beängstigendem Maße zunehmen. Peter Spönlein, Waldkirch