"Wir sollten uns treiben lassen"

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

Di, 28. Juli 2020

Panorama

BZ-INTERVIEWmit dem Arbeitspsychologen Oliver Weigelt über die Frage, wie man das Beste aus der Urlaubszeit herausholt.

Die Vorfreude auf die Ferienzeit ist dieses Jahr besonders groß, doch die Möglichkeiten sind wegen der Corona-Pandemie deutlich beschränkt. Wie kann man das Beste aus seinem Urlaub machen? Sigrun Rehm sprach mit dem Arbeitspsychologen Oliver Weigelt von der Universität Rostock über die Frage, wie wir uns möglichst gut erholen.

BZ: Viele Menschen sagen, dass sie sich so urlaubsreif fühlen wie nie zuvor. Ist Corona der Grund dafür, Herr Weigelt?
Weigelt: Das Coronavirus und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben viele Dinge verstärkt, die Menschen urlaubsbedürftig machen. Die Arbeit im Homeoffice gehört dazu, der Umstand, dass Puffer kleiner geworden sind, hinzukommen existenzielle Ängste, etwa weil man in Kurzarbeit ist oder der Betrieb ums Überleben kämpft. Die Krise ist auf jeden Fall eine große Belastung und das Erholungsbedürfnis ist groß.

BZ: Was genau meinen wir, wenn wir sagen, dass wir erholungsreif sind?
Weigelt: Das kann man an verschiedenen Faktoren festmachen, doch der Klammerbegriff ist das Wohlbefinden – als subjektives Erleben, aber auch festgemacht an physiologischen Faktoren wie Blutdruck oder Herzratenvariabilität. Wir Psychologen schauen meist auf das affektive Wohlbefinden, also die Stimmung, die zwischen angespannt und beschwingt variiert, und auf die Vitalität, also wie kraftvoll oder wie ausgelaugt man sich fühlt.
BZ: Die Bilder, die wir verwenden, sind oft technisch – da ist der sprichwörtliche "Akku", den es wieder "aufzuladen" gilt, die "Energie", die man "tankt". Sind das psychologisch gesehen treffende Bilder?
Weigelt: Durchaus, diese Metaphern zur Beschreibung der "human energy" sind in der Erholungsforschung verbreitet. In einer Studie lassen wir zur Zeit Menschen anhand von Abbildungen von unterschiedlich stark aufgeladenen Batterien ihren eigenen Zustand einschätzen und die Rückmeldungen zeigen, dass sie das Symbol als sehr passend empfinden.

BZ: Wie funktioniert Erholung denn – in körperlicher und seelischer Hinsicht?
Weigelt: Die Definition von Erholung lautet, dass ich zu einem Funktionsniveau zurückfinde, das bestand, bevor ich dem Stress ausgesetzt war. Bei den meisten Menschen hat es den größten Erholungseffekt, wenn sie etwas ganz anderes machen, als das, was zur Erschöpfung geführt hat. Wenn ich also den ganzen Tag am Schreibtisch sitze, E-Mails schreibe und telefoniere, bin ich wahrscheinlich gut beraten, in der Freizeit in die Natur zu gehen und Sport zu treiben. Wenn ich im Beruf hart körperlich arbeite, tut es mit vielleicht gut, einfach im Strandkorb zu sitzen und zu lesen. Doch was auch immer es ist: Es geht darum, Dinge ohne Ziel und Zweck und mit Muße zu tun.

BZ: Der eine sucht Ruhe, der andere Aktivität, einer das Vertraute, der andere das Unbekannte, der eine Berge, der andere Meer. Ist Erholung für jeden etwas anderes oder gibt es Gemeinsamkeiten?
Weigelt: Das Gemeinsame ist, das uns das erholt, was dem eigenen Bedürfnis entspricht. Und die klassischen Bedürfnisse sind erstens soziale Eingebundenheit mit Menschen, die man mag, zweitens Autonomie, also dass ich meinen Tag selbst strukturieren kann, und drittens das Kompetenzerleben. Gerade Letzteres zeigt, dass nicht nur die reine Entspannung zur Erholung führen kann, sondern gerade auch eine Aktivität, die uns herausfordert und uns etwas abverlangt.

BZ: Besteht die Gefahr, die kostbare Zeit mit Erwartungen so zu überfrachten, dass man danach gestresster ist als vorher?
Weigelt: Ich sehe vor allem zwei Gefahren: Wenn ich nicht wegfahre und auf Balkonien Urlaub mache, kann es passieren, dass ich keinen echten Abstand zur Arbeit finde, im alten Trott bleibe und nach zwei Wochen das Gefühl habe, gar nichts Schönes und Besonderes erlebt zu haben. Die andere Gefahr, die oft bei Kreuzfahrten und Städtetouren eine Rolle spielt, ist die, dass ich mir zu viel Programm vornehme und am Ende erst recht urlaubsreif bin. Hier empfehle ich sehr, etwas weniger in die Tage hineinzupacken und wirklich auf Entdeckungsreise zu gehen. Wir sollten uns treiben lassen.

BZ: Und wie holt man das Beste aus der Urlaubszeit raus, wenn man dieses Jahr nicht wegfahren kann?
Weigelt: Um Abstand zur Arbeit herzustellen, sollte man seine Alltagsroutinen aussetzen und stattdessen Highlights planen und daran festzuhalten. Mal in einen anderen Stadtteil gehen, mal an einem See anhalten, an dem man bisher immer vorbei gefahren ist. Solche Erlebnisse wirken belohnend und regenerierend. Auch die Natur an sich tut uns gut, man kommt oft rasch in einen Zustand der Achtsamkeit, ist im Hier und Jetzt. Ein Übergangsritual, wie man es vor einer Reise durch das Kofferpacken erlebt, eine gute Sache. Es kann darin bestehen, dass man ganz bewusst seinen Arbeitslaptop wegpackt oder den Büroschlüssel. Dabei entsteht Vorfreude, das Wohlbefinden steigt.

BZ: Wie schafft man es, nach der Rückkehr etwas vom Urlaubsgefühl in seinen Alltag zu retten?
Weigelt: Meist büßt man die durch den Urlaub gewonnene Erholung innerhalb weniger Tage wieder ein, wir sprechen vom "Fade out"-Effekt. Er ist umso stärker, je höher die Anforderungen an den ersten Arbeitstagen nach der Rückkehr sind, etwa wegen unbeantworteter E-Mails. In einer Studie haben wir zeigen können, dass der Erholungseffekt und damit das Wohlbefinden viel länger anhält, wenn wir regelmäßig – etwa an den Wochenenden – Abstand zur Arbeit nehmen, indem wir entspannen oder uns selbstgewählten Herausforderungen stellen. Mein Rat ist es, dass wir nicht unser ganzes Erholungsbedürfnis auf den Jahresurlaub schieben, sondern regelmäßig Erlebnisse schaffen, die uns guttun.

Oliver Weigelt (39) forscht an der der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock über die Psychologie der Erholung.