Austauschprogramm

Brian Goller aus Wittlingen zeigt, wie Azubis Europa erkunden können

Moritz Lehmann

Von Moritz Lehmann

Sa, 15. Juni 2019 um 17:03 Uhr

Wittlingen

Noch vor dem Brexit hat der Wittlinger Brian Goller dank einer EU-Förderung ein Praktikum im englischen Plymouth absolvieren können – ein Beispiel dafür, wie Azubis die europäische Union erkunden können.

Während der Ausbildung vier Wochen lang im Ausland verbringen und dort in einem Betrieb mitarbeiten – das ist die Idee von "Go for Europe". Der Wittlinger Brian Goller hat die Chance genutzt. Wegen des drohenden, "harten" Brexit könnte er einer der Letzten gewesen sein, der dies in Großbritannien machen konnte.

Für Studierende ist ein Auslandssemester über das Erasmus-Förderprogramm der Europäischen Union heute selbstverständlich. Weniger bekannt ist, dass es diese Möglichkeit auch für Auszubildende gibt, über das Programm Erasmus+. Das ist in ganz Deutschland möglich, aber nirgendwo werde es den meist jungen Menschen so einfach gemacht wie in Baden-Württemberg, sagt Verena König.

Mehr als 300 Auszubildende haben die Chance genutzt

Sie arbeitet in einer eigens dafür eingerichteten Servicestelle, die Auszubildende und Unternehmen bezüglich europaweiter Praktika unterstützt. "So eine Servicestelle gibt es in keinem anderen Bundesland", sagt König stolz. Sie heißt "Go for Europe" und ist ein Gemeinschaftsprojekt der IHK Baden-Württemberg, des baden-württembergischen Handwerkstages, des Industrie- und Handelskammertages und des Verbands Südwestmetall. Sie wird vom Landeswirtschaftsministerium und dem Europäischen Sozialfonds finanziell unterstützt. Verena König zufolge haben seit der Gründung von "Go for Europe" im Jahr 2008 bereits mehr als 3000 Auszubildende diese Chance genutzt.

Brian Goller macht bei der Binzener Firma Glatt eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Vor Kurzem hat der 20-Jährige vier Wochen lang ein Praktikum in Plymouth absolviert. Er gehört zu den vorerst Letzten, die dies in Großbritannien machen konnten. Grund dafür ist der drohende Brexit, für den die EU und die britische Regierung noch immer kein Abkommen erzielt haben. "Eine Kooperation wäre auch nach dem Brexit möglich", sagt König zwar. Aber eben nur dann, wenn es ein Abkommen gäbe. Aber es gibt ja noch 26 weitere potenzielle Austauschpartner. Goller wollte jedoch unbedingt nach England, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Goller ist gegen den Brexit, sein Gastvater war dafür

Der bevorstehende Brexit war vor Ort nicht immer ein einfaches Thema. Untergebracht war Goller in einer Gastfamilie, bei einem älteren Ehepaar, bei dem er sich sehr wohl fühlte. Sein Gastvater war aber ein Befürworter des Brexits. Er sei der Ansicht, dass in dem Land zu viele Migranten seien. Deshalb habe er für den Austritt gestimmt. Goller ist gegen den Brexit. Er will kein Visum beantragen müssen, um nach England reisen zu dürfen. Auch für die Wirtschaft befürchtet er Nachteile. Schnell war für den 20-Jährigen klar, dass er mit seinem Gastvater in dieser Sache keine Einigung erzielen wird. Also sprachen sie lieber über Fußball. Und das Essen sei gut gewesen.

Goller sagt trotzdem: "Ich habe viel Glück gehabt." Das gilt auch für den Umstand, dass er überhaupt die Chance für das Auslandspraktikum bekommen hat: Vorausgesetzt wird das Einverständnis des Ausbildungsbetriebes, und Goller musste ein Motivationsschreiben in Deutsch und Englisch verfassen. 100 Bewerber habe es in Baden-Württemberg gegeben, 15 seien ausgewählt worden.

"Ich kann jedem nur empfehlen, die Chance zu nutzen." Brian Goller

Goller bekam etwa die Hälfte der Kosten von Flug, Unterkunft und Verpflegung erstattet. In Plymouth bekam er einen ganz anderen Blickwinkel: Sein Ausbildungsbetrieb Glatt ist ein Chemie-Betrieb, in England arbeitete er für die Wohltätigkeitsorganisation Plymouth Hope, die sich gegen Rassismus und Ausgrenzung stark macht. Größer könnte der Kontrast zwischen Gastvater und Arbeitsplatz wohl kaum sein. Aber auch hier gibt es ein verbindendes Element: Die Organisation hat einen eigenen Fußballverein, den Plymouth FC. Und wirkte an der Organisation eines Fußballturniers mit, das Plymouth Hope einmal im Jahr organisiert. Gollers Fazit: "Ich kann jedem nur empfehlen, die Chance zu nutzen."
Weitere Infos zum Austauschprogramm unter www.goforeurope.de