Wo der Wind weht

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 09. Juni 2019

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Der neue Windatlas weist auf ein großes Potenzial im Land hin – mehr aber nicht.

In Baden-Württemberg kommt der Ausbau der Windkraft seit Jahren kaum voran. Das Landesumweltministerium hat nun einen neuen Windatlas erstellen lassen, der zum Schluss kommt, dass es doppelt so viele windkrafttaugliche Flächen gibt als bisher. Heißt das auch, dass mehr Windräder gebaut werden?

Zehn Prozent des Energiemixes wollte das Land bis 2020 aus Windenergie gewinnen und dafür 1 000 Windkraftanlagen bauen. Mit beiden Vorhaben ist die Regierung krachend gescheitert. Zwar ist das 1 000-Windräder-Ziel inzwischen veraltet, weil die zehn Prozent Anteile am Strom dank des technischen Fortschritts auch mit weniger Anlagen zu erreichen sind. Mit voraussichtlich nur vier Prozent Strom aus Windenergie am Jahresende kann die Regierung Kretschmann aber nicht zufrieden sein. In Gefahr dürfte mit dem schleppenden Windkraftausbau auch das Klimaschutzziel für das Jahr 2030 geraten. Bis dahin will die Landesregierung 54 Prozent CO2 auf der Basis von 1990 einsparen. Windkraft stellt bundesweit derzeit einen Anteil von rund 40 Prozent an den 40 Prozent erneuerbaren Energien. Zusammen mit der Photovoltaik hat die Windenergie nach Expertenmeinung das größte Potenzial.

Neuen Schwung für die Windkraft verspricht sich die Landesregierung jetzt durch den überarbeiteten Windatlas. Die Zahl der windkrafttauglichen Flächen hat sich gegenüber der ersten Untersuchung von 2008 mehr als verdoppelt – von 3 auf 6,2 Prozent der Landesfläche. Die entscheidende Rolle für den Zuwachs dürften die größeren und leistungsfähigeren Windkraftanlagen spielen.

Das Landesumweltministerium will sich aber partout nicht darauf festlegen lassen, wieviele Windkrafträder der neue Windatlas bringen könnte. Es lässt nur so viel verlauten: "Die Windkraft spielt nach wie vor eine große Rolle für die Energiewende", so Sprecher Ralf Heineken.

"Nur theoretisch mehr Standorte"

Der regionale Energieversorger Badenova, der auch Windkraftprojekte entwickelt und Anlagen betreibt, bleibt trotz deutlich erweiterter Flächen bei seiner Zurückhaltung. "Denn an der Genehmigungspraxis wird sich nichts ändern", sagt Unternehmenssprecher Roland Weis. Die neu ermittelten Potenziale brächten nur theoretisch mehr Standorte. Der Energieversorger hat für die Untersuchung einiger Windkraftstandorte zum Teil erhebliche Summen investiert, konnte die Anlagen wegen Bürgerprotesten oder aus Gründen des Artenschutzes aber nicht umsetzen. Deshalb plant Badenova derzeit "kein weiteres Engagement".

Für den Freiburger Windkraftunternehmer Andreas Markowsky ist es nicht überraschend, dass die Zahl möglicher Windkraftstandorte so stark gestiegen ist. Wenn man höher baue, komme man in viel bessere Windverhältnisse, sagt er. Damit brächten bislang grenzwertige Standorte befriedigende Werte und solche mit bislang befriedigenden Werten nun gute.

Einen Schub für die Windkraft erwartet Markowsky allerdings nicht. Haupthindernis ist für ihn die deutsche Interpretation des Artenschutzes, bei der Individuen statt Populationen im Mittelpunkt stehen. Auf diese Problematik wies bereits eine vom Grünenpolitiker Hans-Josef Fell initiierte Schweizer Studie im Jahr 2016 hin. Wenn Kritiker den Beweis antreten müssten, dass durch die Windräder Populationen gefährdet seien, stünde der Artenschutz vielen Genehmigungen nicht mehr im Weg, ist Markowsky überzeugt. Verzögernd dürfte sich zudem die lange Laufzeit von Flächennutzungsplänen der Kommunen auswirken. Kommunen ohne Flächennutzungsplan könnten schneller handeln, sagt Markowsky.

Die Vergabe von Förderkontingenten durch die Bundesnetzagentur nach Rentabilitätskriterien sieht Markowsky – derzeit – nicht als Hemmnis. Weil bundesweit kaum noch Anträge gestellt würden, kämen fast immer alle Antragsteller in den Genuss der Förderung. "Das ganze Ausschreibungssystem ist daher Quatsch", sagt Markowsky. Auf mittlere Sicht rechnet er aber mit wieder steigenden Anträgen. Das tut auch das Landesumweltministerium, weshalb es vom Bund bei der Rentabilitätsprüfung einen "Zuschlag für den Süden" fordert. Windkrafträder (gleicher Größe) sind in Baden-Württemberg und Bayern zwar nicht so ergiebig wie in Norddeutschland, dafür entfallen die Transportkosten des Stroms in den Süden. Dies soll bei der bevorstehenden Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes berücksichtig werden. Dann könnte auch der neue Windatlas für einen Schub beim Ausbau der Windenergie sorgen.