Geschichte

Woher kommt eigentlich der Adventskalender?

KNA, dpa

Von KNA & dpa

Do, 01. Dezember 2022 um 08:27 Uhr

Panorama

Für rund zwei Drittel der Deutschen gehört der Adventskalender zur Vorweihnachtszeit dazu. Doch die Geschichte des Zeitmessers, der immer mehr zum Schmuckstück geworden ist, ist gar nicht so alt.

Im 19. Jahrhundert gab es Vorläufer wie stückweise abzubrennende Kerzen oder Kreidestriche auf der Wand, die die Kinder nach und nach wegwischen durften. In katholischen Gegenden durften Mädchen und Jungen im Advent täglich einen Strohhalm in die Krippe legen, damit das Jesuskind zu Weihnachten schön weich liegen möge. "Die Idee war, den Kindern die Zeit vor den Festtagen greifbar zu machen", erklärt Alix Paulsen vom Weihnachtshaus Husum. Die 66-Jährige sammelt seit den 1970er-Jahren Weihnachtsschmuck, darunter Hunderte Adventskalender verschiedener Epochen.

Der erste kommerzielle Adventskalender entstand Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals brachte eine evangelische Buchhandlung in Hamburg eine Uhr auf den Markt, bei der Kinder mithilfe eines verstellbaren Zeigers die zwölf Tage vor Heiligabend rückwärts zählen konnten. 1904 gab der Münchner Verleger Gerhard Lang einen "Weihnachts-Kalender" mit 24 Bildern zum Ausschneiden und Aufkleben heraus. Lang entwickelte immer neue Ideen und bot 1920 unter dem Titel "Christkindleins Haus" den ersten Kalender mit Fenstern an, hinter denen sich vor allem Engel-Motive verbargen. "Damit war der klassische Türchen-Kalender geboren, wie wir ihn heute kennen", so Paulsen.

Erste Kalender mit Schokolade verbreiteten sich in den 1930er-Jahren in Dresden. Sie waren damals etwas Besonderes, weil das Genussmittel sehr teuer war.

In der Zeit des Nationalsozialismus versuchte das Regime, die christlichen Weihnachtsbräuche aus dem öffentlichen Leben zurückzudrängen. So durften ab 1940 Adventskalender wegen der Papierkontingentierung nicht mehr gedruckt werden. Als Ersatz erschienen Hefte namens "Vorweihnachten" mit Panzer-Motiven zum Ausmalen, Darstellungen von hakenkreuzähnlichen Sonnenrädern auf dem Weihnachtsbaum und Weihnachtsliedern mit völkischen Texten. "Adventskalender sind immer auch ein Bilderbuch ihrer Zeit", kommentiert Paulsen.

Bald nach dem Zweiten Weltkrieg entflammte die Sehnsucht nach einer "heilen Welt". Ab 1945 wurden wieder Adventskalender in allen Besatzungszonen hergestellt. Vielfach wurden Vorkriegsmotive neu aufgelegt. Ab den 1950er-Jahren wurden Adventskalender zur Massenware und damit flächendeckend beliebt. Meist zeigten sie Szenen aus romantisch verschneiten Städtchen.

"Die Schokolade ist gar nicht mehr so wichtig" Alix Paulsen
Inzwischen gibt es fast nichts mehr, was nicht schon in Adventskalendern zu finden war: von Spielzeug über Bierdosen und Hunde-Leckereien bis hin zu Erotikartikeln. "Der Adventskalender hat mittlerweile alle Alters- und Sozialschichten erreicht", sagt Paulsen. Und: "Die Schokolade ist gar nicht mehr so wichtig."

"Während 2021 die Adventskalender noch an der 100-Millionen-Euro-Grenze gekratzt haben, wird der Umsatz in diesem Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit über 100 Millionen Euro steigen", sagt in München Hans Strohmaier vom Süßwarenhandelsverband Sweets Global Network. "Die Adventskalender sind beliebt und werden immer hochwertiger", gibt er als Grund an. Der Geschenkstatus nahm demzufolge in den vergangenen Jahren deutlich zu, Erwachsene schenkten sie immer öfter Erwachsenen. Vor acht Jahren habe der Umsatz der Süßigkeitenhersteller mit Adventskalendern bei etwa 75 Millionen Euro gelegen.

"Die Idee des Adventskalenders ist lebendiger denn je" Alix Paulsen
Die Kirchen setzen der Kommerzialisierung und Banalisierung zum Teil schlichte Kalender mit nachdenklichen Texten entgegen, aber auch tägliche Aktionen im Internet oder den Brauch des "lebendigen Adventskalenders". Dabei öffnet beispielsweise an jedem Adventsabend eine Familie in der Gemeinde ihre Tür für Begegnungen mit anderen. Soziale Organisationen verkaufen Adventskalender und spenden den Erlös für wohltätige Zwecke.



"Die Idee des Adventskalenders ist lebendiger denn je", meint Paulsen. "Es ist für viele Menschen eine Tradition und eine Art von Besinnlichkeit, die man in den heute oft so hektischen Alltag hineinbringt." Und das, auch wenn der Trend generell eher in Richtung Kommerzialisierung gehe.

Hat die Sammlerin einen Lieblingskalender? "Die Selbstgemachten sind die Allerschönsten", bekennt sie. "Ich habe einen von meinem Enkel, und das hat natürlich eine große Bedeutung."