Trekking durch den Oman

Wüstenschiff voraus

Manuel Meyer

Von Manuel Meyer (dpa)

Sa, 15. Juni 2019

Reise

Ganz schön anstrengend: Trekking durch den Sand im Oman .

Widerwillig richtet sich Milha auf. Sie schnauft, glotzt störrisch in die Ferne und weigert sich, loszulaufen. Unser Führer Monir gibt jedoch nicht nach. Er zieht so lange an den Zügeln, bis sich das Wüstentier gemächlich in Bewegung setzt. "Wir müssen los, um rechtzeitig unser erstes Nachtlager zu erreichen", meint er und geht langsam voraus.

Ein letzter Schluck Wasser, noch einmal das Gesicht mit Sonnencreme einschmieren, Schirmmütze auf. Milha soll ruhig einen Vorsprung haben. Immerhin ist sie schon 15 Jahre alt. Und so gemächlich wie das Dromedar voran schlendert, hat man es sowieso in ein paar Minuten eingeholt. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob das "Kameltrekking" (eigentlich müsste es ja richtigerweise Dromedartrekking heißen) mit diesem sich in Zeitlupe bewegenden Tier überhaupt in den geplanten fünf Tagen zu schaffen ist.

Nach einer Stunde macht sich dann Frustration breit. Das träge wackelnde Dromedar ist immer noch nicht eingeholt. Schlimmer noch: Trotz enormer Anstrengung hat Milha den Abstand sogar noch vergrößert, ohne tatsächlich schneller geworden zu sein. Monir muss auf seine Gäste warten. Drastisch wird spürbar, dass das Wandern in der Wüste doch nicht so einfach ist wie zunächst angenommen. Das Angebot, auf Milha zu reiten, wird vor allem am ersten Wandertag schon aus Prinzip abgelehnt. Das wird sich mit den Tagen noch ändern.

Monir startete den ersten Tagesmarsch absichtlich erst um 16 Uhr, damit die Sonne nicht mehr ganz so hochsteht. Doch selbst im Winter ist die Wahiba-Sandwüste im Nordosten des Oman um diese Zeit immer noch wie ein Brutkasten. Und das, obwohl es laut Monir "nur" 37 Grad warm wird. Kaum zu glauben! Der tiefe Sand und die glühende Hitze machen einem zu schaffen. Selbst die kleinsten Dünen werden da zu einer echten Herausforderung.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt die Gruppe bei Monirs Nachbarn vorbei. Schon von weitem winken sie uns zu. "Hello" rufen die Kinder und freuen sich riesig, dass die Fremden ihr einziges Wort auf Englisch verstanden haben. Dann treiben sie ihre Ziegen weiter. Auch Monir bleibt nicht stehen. Stoisch geht er mit Milha voran.

Es wird Abend. Der Himmel färbt sich gelblich, dann rosa und schließlich blutrot. In der Ferne sieht man auf einer Anhöhe ein kleines Feuer. Es lodert hell. Zwei Begleiter waren mit dem Geländewagen vorausgefahren, um schon mal das Zelt aufzubauen und das Abendessen vorzubereiten. Es gibt Fisch mit Reis und Gemüse. Das Essen duftet wunderbar nach Kardamom und arabischen Gewürzen. Serviert wird auf einem Teppich im Sand vor dem Zelt. Vollkommen erledigt falle ich aufs Feldbett und bin etwas beunruhigt, dass schon der erste, kurze Tag so anstrengend war.

Kurz vor Sonnenaufgang wird geweckt. Ein langer Wandertag liegt vor der Gruppe. Auf einem Teppich ist das Frühstück serviert. Bei Omani-Kaffee und warmem Fladenbrot mit Erdbeermarmelade schauen die Wanderer verschlafen von der Anhöhe zum Horizont, an dem langsam die Sonne aufgeht. Die ersten Sonnenstrahlen wärmen angenehm, denn die Nacht war frisch. Tau liegt noch auf den kleinen Büschen rund ums Zelt. "Es wird Zeit. Wir müssen die frühen, kühlen Morgenstunden zum Wandern nutzen. Zur Mittagszeit machen wir dann eine lange Pause", sagt Monir und geht mit Milha wieder voran.

Ist das eine Fata Morgana? Steht da tatsächlich eine schneeweiße Moschee in einem Meer aus goldgelben Sanddünen? Ja! Das Gebäude ist keine Täuschung. Doch für wen wurde es erbaut? Es ist schwer, zu glauben, dass in dieser leeren Wüste überhaupt Menschen leben. "Neben den Wahibas gibt es zahlreiche Beduinenstämme in der Umgebung. Deshalb wurde der Name der Wüste auch von Wahiba Sand auf Sharqiyah geändert", erzählt Monir.

Die Beduinen, welchen Stammes auch immer, sieht man jedoch so gut wie nie. Dagegen sind in der Ferne vereinzelt Ziegen- oder riesige Kamelherden zu erspähen. Die lassen zumindest auf die Existenz von Nomaden und Beduinenhirten schließen. Manchmal kann die absolute Stille auch beängstigend werden und dennoch ist es beeindruckend, wie ruhig man innerlich wird, wenn man tagelang in der Wüste unterwegs ist – ohne Handy, ohne Internet, ohne Lärm, ohne andere Menschen zu sehen und nur von einem eher wortkargen Guide begleitet.

Die Leere und Weite der Wüste wecken die unterschiedlichsten Gefühle. Dabei ist die Wahiba- oder Sharqiyah-Wüste mit 15 000 Quadratkilometern nicht einmal die größte des Landes. Von Norden nach Süden erstreckt sie sich über rund 250 Kilometer, von Osten nach Westen sind es 80 Kilometer. Im Westen und Nordosten verhindern die großen Wadis, häufig Wasser führende Täler mit ihrer Oasenvegetation, die weitere Ausdehnung. Im Osten reichen die Dünen bis an den Indischen Ozean.

Gerade weil die Wahiba-Wüste eher klein ist, wurde sie nicht nur interessant für Reiseveranstalter, sondern auch für Wissenschaftler. 1985 untersuchte erstmals die britische Royal Geographical Society die Wüste und entdeckte fast 200 Säugetiere, Vögel und Reptilien, 180 verschiedene Pflanzenarten und zigtausende wirbellose Käfer, Schlangen und Skorpionarten. Die können sich auch verirren. In Wanderschuhe zum Beispiel. Monir rät deshalb, morgens noch einmal gründlich hineinzuschauen, bevor man die Schuhe anzieht.

Die Wüstenforscher machten in der Wahiba auch mehr als 20 verschiedene Dünenformationen aus. Selbst der Sand ist nicht überall gleich. Man muss kein Wissenschaftler sein, um das zu bemerken. Im nördlichen Teil der Wüste bestimmen hohe rötlich-orange Dünen die Landschaft. Im Süden und Richtung Ozean dominieren kleinere, fast weiße Sicheldünen.

Der feine Sand knirscht unter den Sohlen. Manchmal knackt es auch, wenn man auf Muschelreste tritt, die die Monsunwinde vom nahen Ozean herüberwehen. Mal bläst ein frischer Wind, mal ein heißer Föhn. Ein Wüstenhase schießt plötzlich aus seinem Bau und holt den Besucher aus der Lethargie. Immer wieder versuchen wir, zu Milha aufzuschließen, um eine neue Wasserflasche aus dem Stoffsack zu nehmen, der auf ihren Rücken geschnürt ist. Ihr Körper schaukelt beim Gehen sanft hin und her wie ein Schiff im Wasser.

Die Dünen werden immer gewaltiger, weit mehr als 100 Meter hoch. Monir treibt das Dromedar einen steilen Kamm hoch. Oben haben die zwei Begleiter das Camp spektakulär am Rande eines tiefen Dünenkraters aufgebaut. Die beiden haben Äste für das Lagerfeuer gesammelt. Es gibt erst einmal einen Tee. Einer steckt sich genüsslich eine Pfeife an. Auf einer Düne am Horizont sieht man die Silhouetten mehrerer Dromedare. Momente, die das anstrengende Wandern durch den endlosen Sand, die sengende Sonne und die fehlende Möglichkeit, sich irgendwann einmal zu waschen, vollkommen vergessen machen.

Es ist windstill. Heute Abend will niemand im Zelt schlafen. Unglaublich, wie viele Sterne man sehen kann, wenn kein künstliches Licht scheint. Langsam geht das Feuer aus, es wird frisch. Am Morgen ist die Decke klitschnass. Nebel liegt über den Dünen. Zwischen den Zähnen knirschen Sandkörner.

Nach einem wärmenden Getränk geht es auf zur letzten Tagesetappe. Die salzige Meeresluft ist bereits zu riechen. Nach sechs weiteren, anstrengenden Kilometern erreicht man ihn dann endlich, den Indischen Ozean, das Arabische Meer. Schuhe aus, Hemd vom Leib, Rucksack ab und schnell ins kühle, erfrischende Nass. Monir nimmt Milha mit ins türkisblaue Wasser. Sie scheint es zu mögen. Wie wir: Baden, waschen – ein Glücksgefühl nach fünf Tagen in der Wüste.

Am Strand von Qihayd, einem Fischerdorf, herrscht reger Betrieb. Mit Autos werden die kleinen Fischerboote in die Wellen geschoben und kommen nach nur einer Stunde bis oben hin voll mit Fischen zurück. Gegrillt wird direkt am Strand. Eigentlich alles perfekt. Es ist auch ein komisches Gefühl, wieder so viele Menschen zu sehen, Autolärm zu hören. Fast fremd ist das. Wo ist die Stille geblieben? Die Wüste verändert. Erst recht, wenn man sie so intensiv erlebt wie bei einem Trekking.

Infos: Oman Air, Lufthansa und andere Airlines fliegen Maskat in etwa sieben Stunden direkt von Deutschland aus an. Deutsche benötigen einen Reisepass ( mindestens sechs Monate gültig), ein Kurzvisum für bis zu zehn Tagen (12 Euro) und ein normales Visum für einen Monat (50 Euro) erhält man bei der Einreise am Flughafen.
Kontakt: Sultanat von Oman, Tourismusministerium, c/o Interface International, Berlin, Kar-Marx-Allee 91a, 10243 Berlin,
Tel. 030/42088012, http://www.omantourism.de