Wut, Gewalt und Blicke zurück

Barbara Schweizerhof

Von Barbara Schweizerhof (dpa)

Sa, 11. September 2021

Kino

Eine vorläufige Bilanz: Am Samstag gehen die 78. Filmfestspiele von Venedig zu Ende.

Von Umbruch und Epochenwende war in den vergangenen 18 Monaten viel die Rede. Besonders für das Kino als eine der von Corona-Beschränkungen meistbetroffenen Branchen wurden vielerorts düsterste Prognosen abgegeben, was die Zukunft angeht. Das Filmfestival von Venedig fand nun bereits zum zweiten Mal unter Covid-19-Bedingungen statt: mit Restriktionen wie Maskenpflicht, Impf- und Testnachweisen, aber auch wieder mit sehr viel mehr Filmen, Stars und Publikum als noch im September 2020. Zwar wurden die Zahlen von 2019 noch nicht wieder erreicht – unter anderem wegen Reisebeschränkungen. Aber es zeichnete sich deutlich ab, wie das "neue Normal" der kommenden Jahre aussehen wird – gar nicht so anders wie das Davor.

Auf der Leinwand selbst jedenfalls ist der große Umbruch noch nicht angekommen. In den 21 Filmen, die um den Goldenen Löwen konkurrierten, war von Masken nichts zu sehen. Das mag zum einen der Tatsache geschuldet sein, dass ein Großteil der Beiträge wenn nicht vor 2020 gedreht, so doch zumindest geplant und erdacht wurden. Dennoch überrascht der offenbare Unwille, die unmittelbare Gegenwart ins Bild nehmen zu wollen. Stattdessen überwogen Rückblicke in die Vergangenheit. Pedro Almodóvars Film zum Auftakt, "Madres paralelas" ("Parallel mothers"), erwies sich in dieser Hinsicht als themasetzend: Der Spanier verknüpfte die Erzählung um zwei Mütter im Jahr 2018 mit einer Nebenhandlung, in der es um das Ausheben eines anonymen Grabs von Bürgerkriegsopfern aus den 30er Jahren ging.

Almodóvar, einer der Favoriten auf einen Preis, lässt seinen Film mit der Aussicht auf Versöhnung und Heilung enden. Damit blieb er unter den Beiträgen dieses Jahr eher die Ausnahme. Insbesondere in Osteuropa verläuft die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit deutlich wütender. Der russische Film "Captain Volkonogov Escaped" etwa erzählte vom Stalin-Terror in Form einer wilden Stilmischung aus schockhaftem Gewaltexzess, bitterer Satire à la "Clockwork Orange" und dem Spiritualismus eines Andrej Tarkowski.

Einmal mehr war der Wettbewerb nichts für schwache Nerven: Gewaltszenen in allen Spielarten, von comichaft über ästhetisiert bis zu subtil-untergründig bildeten einen eigenen roten Faden durch Filme und Länder. Vom italienischen "Freaks Out", in dem der deutsche Schauspieler Franz Rogowski einen manischen Zirkusdirektor im faschistisch besetzten Rom mimt und Gewalt auf einen Schauwert reduziert wird, bis zum philippinischen Journalisten-Krimi "On the Job: The Missing 8", wo sie den Unterstrom einer Gesellschaft bestimmt, die sich nach außen betont freundschaftlich gibt. Letzterer, mit 208 Minuten der längste Beitrag, gilt nun als starker Favorit auf den Goldenen Löwen.

Dass "On the Job" der einzige Film aus Asien im Wettbewerb war, dürfte noch der Ausnahmesituation durch Covid geschuldet sein. "Freaks out" dagegen, als einer von fünf italienischen Titeln, führte vor Augen, wie groß die Bandbreite des Filmschaffens im Heimatland der Mostra ist. Paolo Sorrentino lieferte mit seinem autobiografisch geprägten Coming-of-Age-Drama "The Hand of God" einen frühen Favoriten auf den Auslands-Oscar. Als Publikumsliebling aber entpuppte sich der semi-dokumentaristische "Il buco" von Michelangelo Frammartino, die dialoglose Nachstellung einer Höhleninspektion vom Anfang der 60er Jahre.

Wie schon vor der Pandemie kann Venedig auch seinen Status als Sprungbrett für künftige Oscar-Kandidaten halten und sogar ausbauen: Sowohl das Prinzessin-Diana-Biopic "Spencer" als auch Paul Schraders "Card Counter" werden als heiße Kandidaten zumindest auf Darstellerpreise in der beginnenden Preissaison gehandelt. Mit Jane Campions gefeiertem "The Power of the Dog" wird der nächste Oscar für eine Regisseurin möglich.

Einmal mehr scheint auch das Sicherheitskonzept aufgegangen zu sein: Von den mehr als 10 000 Akkreditierten des Festivals waren über 90 Prozent geimpft. Die restlichen zehn Prozent mussten sich alle 48 Stunden testen lassen. Von 3500 Test waren am Ende nur zwei positiv – so die ermutigenden Zahlen aus den letzten Tagen des Festivals.