Zarte Töne unter der Mondsichel

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Sa, 15. Juni 2019

Elsass

Festival "Octophonia" in der Abteikirche Ottmarsheim verbindet Licht und Musik / Letztes Konzert heute Abend.

OTTMARSHEIM. Aus der strengen, glatten Romanik der alten Abteikirche Ottmarsheim sprießen üppige Rokoko-Ornamente, farbige Muster huschen über die Säulen und Bögen des Innenraums und auf einmal öffnet sich der Himmel, Sterne funkeln und eine
Riesenmondsichel schwimmt durch zarte Wolkenschleier: Das zweite Festival "Octophonia" anlässlich der vor zwanzig Jahren abgeschlossenen Renovierung bezaubert wieder alle Sinne.

Zur Eröffnung am Donnerstag war ein Ensemble des Symphonieorchesters Mulhouse zu Gast. Musik von Mozart und Debussy schlug eine charmante Brücke zwischen den Ländern Europas, die früher unter dem habsburgischen Banner vereint waren. Daran erinnert heute die touristische "Via Habsburg", die von Bratislawa über Tirol, Vorarlberg und den Bodensee bis ins Elsass führt, wie Bürgermeister Marc Munck in seiner Begrüßung sagte. Auch dass Mozart sein Konzert für Harfe und Flöte (KV 299) in Paris komponiert hat, wo die Harfe eine Blütezeit als Modeinstrument erlebte, passt als Detail in dieses Gesamtkunstwerk mit seinem europäischen Ansatz.

Unter der Leitung von Jacques Lacombe musizierte das Orchester in frischem, federndem Duktus. Nora Hamouna (Flöte) und Anaïs Gaudemard (Harfe) füllten den Solopart mit Brillanz und Wärme. Das Zusammenspiel der beiden Instrumente mit ihrem zarten Ton kam besonders schön in den sorgfältig ausgearbeiteten Kadenzen zur Geltung, die Mozart in jedem der drei Sätze angelegt hat.

Die Lichtinstallation von Julien Elbisser ging nicht nur auf die faszinierende Architektur der Kirche ein, sondern begleitete die Musik Mozarts auf geniale Weise: Zum ersten Satz verwandelte sich das Oktogon in eine barocke Basilika, die von einem gewaltigen Deckengemälde überwölbt ist, das sich langsam drehte. Die Säulen und Pfeiler wurden zu mächtigen Orgelpfeifen.

Das beseelte Andantino entfaltete sich unter der Kuppel des Doms zu St. Blasien, eine geniale Spielerei mit der Kreisform, die das Achteck in sich aufnahm. Das lebhafte und gelenkige Rondeau als Finalsatz hatte als Pendant einen frühlingsgrünen Laubwald, dessen Zweige sich in einer leichten Brise wiegten.

Und wieder war Elbisser das Kunststück gelungen, die Illusion zu schaffen, man sitze unter freiem Himmel. Wie ein Traumbild huschten Schmetterlinge durch diesen Zauberwald, am Ende tanzten Glühwürmchen in abendlichem Dämmerlicht.

Für Debussys "Danses sacrée et profane" für Harfe und Streichorchester hatte Elbisser zeitgeschichtlich passend Motive und Farben aus dem Jugendstil gewählt, dazu eine an Gustav Klimt orientierte Ornamentik, die sich wie in einem Kaleidoskop in dauernder Bewegung befand. An den Säulen emporsteigende "Champagnerbläschen" – eine neckische Anmerkung zum kultivierten Stil des Fin de Siècle. Mit der "Kleinen Nachtmusik" von Mozart blieb das Orchester beim leichten, eleganten Ton, musizierte mit Frische, kräftigen Konturen und schönen Kontrasten unter der großen Mondsichel im nachtblau leuchtenden Kirchenraum.

Mit einem Chorkonzert geht das Festival am heutigen Samstag zu Ende.

Im kommenden Jahr soll die "Octophonia" mit einer Open-Air-Aufführung von Orffs Carmina Burana vor der kunstvoll illuminierten Kirche ihren Höhepunkt erhalten.