Zerrissenheit und Sehnsucht

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 09. Oktober 2021

Literatur & Vorträge

"Auf dem Kopf gehen" – die zehnte Auflage von "Kunst und Literatur" des BBK Südbaden setzt sich mit Georg Büchners Novelle "Lenz" auseinander.

"Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg." So lakonisch beginnt einer der sprachmächtigsten deutschen Prosatexte, Georg Büchners 1839 entstandene Novelle "Lenz". Durchs Gebirge – die Vogesen – wandert der so genialische wie innerlich zerrissene junge Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, nachdem er von Goethe zurückgewiesen und Zuflucht bei dessen Schwester Cornelia in Emmendingen gefunden hatte. Vom Pastor und Pädagogen Johann Friedrich Oberlin im Elsass erhofft er sich Hilfe und Heilung von seelischen Nöten. In der bis dahin beispiellos tiefgründigen Darstellung der Gefährdungen des Subjekts ist Büchners Text ein versprengter Vorbote der Moderne.

Für die zehnte Ausgabe der Reihe "Kunst + Literatur" des BBK Südbaden dienen die ersten Absätze der Novelle als Vorlage. Mehr als vierzig Bewerbungen gingen ein, Werke von 13 Künstlern wählte die Jury aus. Verantwortet wird die beliebte Reihe von Almut Quaas und Chris Popovic, selbst namhafte Künstlerinnen. Ob Texte von Hauff, Reinhold Schneider, Christoph Meckel oder jetzt Büchner – die Ausstellungen wie die Lesungen von Ullo von Peinen finden ein breites Publikum. Schon jetzt vergriffen ist der Katalog zur Schau.

Die Farben in Büchners Text dienten Marja Scholten Reniers als Ausgangspunkt für quadratische kleine Stickereien auf Baumwolle. In Michaela Höhlein-Doldes Bodeninstallation stehen weiße Blätter aus gebranntem Ton für geistige Irritation, bunte für Klarheit. Das herbstlich gefärbte Ahornblatt in Konrad Wallmeiers Mixed Media-Arbeit, die dem Betrachter den Spiegel vorhält, wäre demgemäß ein Hoffnungszeichen. Claudia Michels Eitemperamalerei mit Kirchgangsszene liefert den schärfsten Kontrast zum aufgewühlten Inneren des Protagonisten: brave Bürgerlichkeit, Beruhigung im Glauben. Lenz’ unerfüllte Sehnsucht nach innerer Befriedung fassen Dieter Maertens’ Tuschzeichnungen in ein nächtliches Dunkel mit nur schwachen Aufhellungen. In Dunkel getaucht ist auch Jürgen Gierschs Szene mit dem nächtlich im Brunnentrog badenden Dichter.

Ludwig Quaas gestaltet in einer fulminanten Abstraktion Lenz’ Bedauern, nicht auf dem Kopf gehen zu können. Realistischer und gleichzeitig hochexpressiv schildern zwei Acrylmalereien von Klaus Hietkamp den Seelenaufruhr des Dichters. Während Ulrike Weiss in einer flirrend schönen Tuschzeichnung mit Collage Lenz’ Gemütsverfassung in ein Naturbild übersetzt – und eine Nähmaschinenzeichnung von Andrea Hess idyllische Natur mit Blumenwiese und Vogelzwitschern auf der einen, die seelische Derangiertheit des Dichters auf der anderen Seite in einer angedeuteten Kopfform als extreme Kontraste ineinander spiegelt.

T66 Kulturwerk, Talstraße 66, Freiburg. Bis 16. Oktober, Do bis Sa 14-18 Uhr.

Am 10. Oktober um 18 Uhr hält Stefan Tolksdorf einen Vortrag über Lenz im Kommunalen Kino, Urachstraße 40, Freiburg.