Zur Feuerwehr verpflichtet

Eva-Maria Mester

Von Eva-Maria Mester (dpa)

Mi, 20. November 2019

Panorama

Weil es zu wenig Freiwillige gibt, müssen Bürger einer Gemeinde in Schleswig-Holstein aushelfen.

GRÖMITZ. Etwas verloren steht Thomas Marter in Feuerwehrmontur auf dem Hof der Grundschule Grömitz. Um ihn herum üben Frauen und Männer der Freiwilligen Feuerwehr den Umgang mit Dreh- und Steckleitern. Im Gegensatz zu ihnen ist Marter nicht freiwillig hier. Er gehört zu den acht Männern, die die Gemeinde im August zum Feuerwehrdienst verpflichtet hat, weil das Personalsoll durch Freiwillige nicht gedeckt werden konnte. "Ich bin kein Feuerwehrmann, das ist definitiv nicht mein Ding", sagt Marter.

"Auch ich bin nicht glücklich mit der Pflichtfeuerwehr", sagt Grömitz’ Bürgermeister Mark Burmeister. "Aber wir als Gemeinde sind verpflichtet, den Brandschutz zu gewährleisten, und wenn es nicht genug Freiwillige gibt, müssen wir eben Bürger verpflichten." Insgesamt 16 Verpflichtungsbescheide hat die Gemeinde seit Sommer verschickt, acht Pflichtfeuerwehrleute haben inzwischen ihren Dienst angetreten.

Grömitz ist die vierte Gemeinde in Schleswig-Holstein, die Bürger zur Feuerwehr verpflichtet. Die erste war List auf Sylt. "Wir waren 2005 bundesweit die erste Wehr nach 1945, die von einer Freiwilligen Feuerwehr zu einer Pflichtfeuerwehr umgewandelt wurde", sagt Wehrführer Matthias Stahl.

Die gesetzliche Möglichkeit dazu haben die Gemeinden in allen Bundesländern. Am meisten Gebrauch wurde davon laut Deutschem Feuerwehrverband bislang in Schleswig-Holstein gemacht. "Nach unserer Kenntnis gibt es noch vereinzelte Pflichtwehren in Mecklenburg-Vorpommern. In einigen Gemeinden in Niedersachsen und in Hessen gab oder gibt es entsprechende Überlegungen", sagt Verbandssprecherin Silvia Darmstädter.

Pflichtfeuerwehrmann Marter ist nicht generell gegen Freiwillige Feuerwehren, deren Notwendigkeit leuchtet ihm ein. "Ich finde es toll, dass es sie gibt, aber für mich ist das eben nichts", sagt er. Für seinen Gemeindewehrführer Björn Sachau ist diese Haltung nicht verwunderlich. "Wenn die Leute Feuerwehr toll fänden, wären sie ja schon freiwillig eingetreten", sagt er. Aber das Problem der fehlenden Einsatzkräfte sei nun mal da und müsse gelöst werden.

Als Hauptursache des Problems sieht der Landesfeuerwehrverband Schleswig-Holstein neben dem demografischen Wandel vor allem auf dem Land die vielen Berufspendler. "Die sind tagsüber für Einsätze nicht verfügbar, deshalb werden inzwischen immer gleich mehrere Wehren alarmiert – in der Hoffnung, dass genug Kameraden zum Einsatz kommen", sagt Verbandsgeschäftsführer Volker Arp.

Mit Löscheinsätzen könnten sich die meisten Zwangsrekrutierten abfinden. Doch der Feuerwehrdienst umfasst mehr. Zu den etwa 130 Einsätzen im Jahr kommen für die Grömitzer Kameraden zwei Übungsabende im Monat sowie Lehrgänge am Wochenende. "Man muss eine Menge Freizeit opfern", sagt Marter. Wenn es nicht genug Freiwillige gebe, müsse die Gemeinde eben Feuerwehrleute einstellen.

Einer, der vor zehn Jahren unfreiwillig zur Feuerwehr kam, ist Jacob Revenstorf. "Ich habe das nur gemacht, weil ich nicht zur Bundeswehr wollte", sagt er. Doch dann habe er einen Aufgabenbereich gefunden, der ihm Freude mache. "Heute bin ich Ortswehrführer von Grömitz und habe meinen Eintritt in die Feuerwehr keinen Tag bereut."