Zischup-Interview mit Zeitzeugin Rosemarie Becker

"Zwei Jahre hinter Stacheldraht"

Vincenz Konradi, Klasse 8b, Goethe-Gymnasium

Von Vincenz Konradi, Klasse 8b, Goethe-Gymnasium (Freiburg)

Mi, 08. April 2020 um 11:00 Uhr

Schülertexte

Rosemarie Becker, geboren 1939, hat als Kind den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Im Gespräch mit ihrem Enkel Vincenz Konradi aus der Klasse 8b des Freiburger Goethe-Gymnasiums erinnert sie sich an damals.

Zischup: Wie war damals die Ausgangslage Ende des Zweiten Weltkrieges?
Becker: 14 Millionen Deutsche mussten Ende 1944 ihre Heimat verlassen. Sie werden aus ihrer Heimat vertrieben oder in die Flucht geschlagen. In vielen Trecks drängen Flüchtlingsströme aus den ehemaligen deutschen Gebieten Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien in den Westen. Schlecht ausgerüstet und ohne ausreichende Lebensmittel begeben sich die Deutschen auf einen unbekannten Weg durch das zerstörte Land.
Zischup: Wann musstest du fliehen? Und wie alt warst du?
Becker: Die Hitlerpropaganda im Naziregime hat uns immer verkündet: Deutschland werde alle Feinde besiegen. Wir glaubten nicht, dass wir fliehen müssen. Als wir dann im März 1945 doch geflohen sind, war ich fünf Jahre alt. Es war damals Winter, als wir aufbrechen mussten. Viele starben unterwegs an Entkräftung. Vor allem kleine Kinder erfroren bei den eisigen Temperaturen.

Zischup: Wie bist du damals geflohen?
Becker: Wir hatten deutsche Soldaten einquartiert, mitten in der Nacht sagten sie zu uns: Ihr müsst sofort fliehen, die Russen sind ganz nah. Wir hatten kaum Zeit. Man hat das Notwendigste, was man tragen konnte, eingepackt und musste schnell aufbrechen. Wir haben unser Zuhause mit all unseren Sachen einfach zurückgelassen.

Zischup: Wie verlief dann die Flucht aus der Heimat?
Becker: Wir sind über die Landstraßen gewandert und wurden immer wieder von Tieffliegern angegriffen. Wenn solche Angriffe kamen, haben wir uns in die Schützengräben geflüchtet und auf den Boden gelegt. Meine Mutter hat sich immer über mich gelegt. Falls wir von einer Bombe getroffen würden, sollte es uns beide treffen.

Zischup: Wie habt ihr euch damals dann ernährt?
Becker: In den Städten gab es sogenannte Gulaschkanonen, in welchen heiße Suppe gekocht und dann verteilt wurde. Vor den wenigen Bäckereien kämpfen die Menschen schon frühmorgens um Brot. Für so viele Menschen gab es nicht genug zu essen.
Zischup: Seid ihr den ganzen Weg gelaufen oder auch stückweise gefahren?
Becker: Wir wanderten von Pommern bis zur Havenstadt Godenhaven an der Ostsee, von wo aus große Flüchtlingsschiffe nach Dänemark losfuhren. Wir haben das letzte Schiff genommen, das die Menschen in Sicherheit gebracht hat. Am 30. Januar ist der Passagierdampfer "Wilhelm Gustloff" von einem sowjetischen U-Boot torpediert worden. Das Schiff sinkt innerhalb einer Stunde. Nur etwa 1200 Menschen können gerettet werden. 6000 bis 10 000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen – sie sind ertrunken. Im Wasser trieben große Koffer und Taschen.

Zischup: Von wo bis wo sind die Schiffe gefahren?
Becker: Wir sind von Godenhaven bis zum Haven in Dänemark gefahren.
Zischup: Wurden die Schiffe auch angegriffen?
Becker: Ja, die Schiffe wurden von russischen U-Booten und englischen und amerikanischen Kriegsfliegern angegriffen.
Zischup: Wie verlief die Ankunft in Dänemark?
Becker: Kurz nach unserer Ankunft verlor Deutschland den Krieg, und wir wurden, nachdem wir uns zuerst in Sicherheit geglaubt hatten, verhaftet. Wir wurden zwei Jahre lang hinter Stacheldraht als Gefangene in einem Lager festgehalten.
Zischup: Wie ging es nach der Gefangenschaft weiter?
Becker: 1947 wurden wir nach Deutschland entlassen, welches sich wieder im Aufbau befand. Wir wurden von entfernten Verwandten aufgenommen.
Zischup: Was war dein schlimmstes Erlebnis?
Becker: Als die Flüchtlinge von Tieffliegern beschossen wurden und ein Soldat nicht mehr aufgestanden ist. Er wurde auf einen Pferdewagen gelegt und abtransportiert. Dieses Bild von dem verletzten Soldaten werde ich nie vergessen.
Zischup: Hast du auch schöne Erinnerungen an diese Zeit?
Becker: Ja – im Gefangenenlager in Dänemark musste meine Mutter die Tennisplätze der Dänen reinigen. Dort fand sie einmal einen liegengebliebenen Tennisball, den sie mir mitbrachte. Für mich war das damals ein großer Schatz.