Belugas und Orcas

100 Wale werden in Russland aus dem "Walgefängnis" entlassen

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Mo, 21. Oktober 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Etwa 100 Beluga- und Orcawale wurden im "Walgefängnis" in Russland festgehalten, für den Verkauf an Aquarien. Jetzt werden sie freigelassen. Doch auch daran hagelte es Kritik – zunächst.

Das "Walgefängnis" an der russischen Pazifikküste leert sich: Mehrere Dutzend Beluga- und Orca-Wale sind seit Juni ausgewildert worden. Zunächst gab es Kritik, doch die Tiere fühlen sich in freier Natur besser, als Tierschützer befürchtet hatten. Aber wenige Wochen vor Wintereinbruch verharren noch 50 Belugas in Unfreiheit.

"Man hat sie einem qualvollen Tod ausgeliefert." Umweltaktivist Bacht Mawlanow
Alexandra galt als Sorgenkind. Das Orca-Weibchen verschwand nach seiner Freilassung am Kap Perowski nicht mit seinen Artgenossen im offenen Pazifik. Sie tauchte vor Fischerbooten auf, ließ sich füttern und streicheln. Im Internet hagelte es Kritik. "Kein Rehabilitierungsprogramm kann wilde Tiere, in deren Leben sich der Mensch eingemischt hat, der Natur zurückgeben", schimpfte der Umweltaktivist Bacht Mawlanow. "Man hat sie einem qualvollen Tod ausgeliefert."

Das Projekt war von Anfang an umstritten. Im Juni verkündeten Staatsreporter während einer TV-Show mit Wladimir Putin, man wolle alle Meeressäuger aus dem "Walgefängnis" in der Pazifik-Bucht Srednjaja bei Nachodka auswildern. Die ersten acht Tiere habe man bereits in Transportwannen verfrachtet.

Privatfirmen wollten die Wale an Aquarien verkaufen

Etwa 100 Belugas und Orcas waren seit Herbst 2018 in kleinen Schwimmgehegen eingepfercht. Privatfirmen hatten sie gefangen, um sie an Aquarien zu verkaufen. Dann machte der Kreml auf "Free Willy", frei nach dem US-Spielfilm über einen Jungen, der einen Killerwal aus einem Vergnügungspark befreit. Die ersten Tiere wurden 1800 Kilometer über Land ans Kap Perowski in der Sachalin-Bucht geschafft und dort ausgesetzt. Obwohl Experten einen stressfreieren Transport über See gefordert hatten, und eine Adaption, damit die Tiere sich von Menschen und Füttern entwöhnen könnten. "Nicht befreit, sondern hinausgeworfen", schimpfte das Wahlschutzbündnis "Freiheit für Orcas und Belugas".

Aber der Zorn der Tierschützer hat sich gelegt. "Es läuft alles ziemlich gut", sagt Dmitri Lisizyn von der Gruppe Ekowachta Sachalina über die Auswilderung, die das "Allrussische Institut für Fischwirtschaft und Ozeanologie" (WNIRO) organisiert. "Die Tiere sind in ihre wilden Familien zurückgekehrt oder jagen selbstständig", sagt WNIRO-Sprecher Alexei Smorodow.

Noch verharren 50 Wale in den Gehegen – und der Winter naht

Auch Problemkind Alexandra hat sich zwei anderen Weibchen angeschlossen. Offenbar greifen in der freien Natur die Instinkte der Wale, sie sind fähig, sich zu orientieren, Fischgründe und Artgenossen aufzuspüren. Bisher hat man zehn Orcas und 26 Belugas ausgewildert, elf weitere Belugas sind auf dem Seeweg in die Sachalin-Bucht unterwegs.

Aber noch verharren 50 Belugas in den Gehegen. Sie sollen bis zum Winter ausgewildert werden. Bei Minusgraden drohen den Tieren laut Walschützern in den Transportwannen Erfrierungen. Mitte November beginnt in der Region Dauerfrost. Nach Ansicht der Ökologen müsse man sehr schnell handeln, um die Wale freizulassen. "Ihr Transport ist in großen Gruppen, in ein bis zwei Etappen geplant", so WNIRO-Sprecher Smorodow. Alles hänge jetzt davon ab, ob das WNIRO rechtzeitig genügend Frachtraum organisieren könne, sagt Oganes Targuljan von Greenpeace. "Leider hat das Verteidigungsministerium unseren Vorschlag, die Wale auf Schiffen der Kriegsmarine in ihr Heimatgebiet zu bringen, abgelehnt".

Schlimmstenfalls droht einem Teil der Belugas noch ein Winter im "Walgefängnis". Laut Targuljan gehören die Gehege nach wie vor den Privatfirmen, die die Wale verkaufen wollten. Für sie stellten die Wale nur noch lästige Kosten dar. Und laut Greenpeace haben chinesische Geschäftsleute bereits Anzahlungen für 50 Belugas geleistet. Die Umweltschützer befürchten, ein Teil der Tiere könnte doch noch in Aquarien landen.