300 Prozent Joy

Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber

Sa, 27. Juni 2020

Literatur & Vorträge

Nachrichten aus einem bonbonbunten Deutschland: Leif Randts brillanter Gegenwartsroman "Allegro Pastell" / .

Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, werde man nicht aufhören, ihn jung zu nennen, versichert Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung "Das dreißigste Jahr". Dem Geburtstagskind selbst sei aber so, als ob ihm nicht zustehe, sich als jung auszugeben. Ein halbes Jahrhundert später treiben diese Selbstzweifel in Leif Randts Roman "Allegro Pastell" anmutigste Blüten. Wie in seinem Science-Fiction-Epos "Planet Magnon" setzt Randt, 1983 in Frankfurt geboren, seinen Figuren strenge Altersdefinitionen: Bis 21 darf man sich als Junior/in begreifen, das Early Age reicht von 21 bis 36, gefolgt vom Mid Age bis immerhin 63.

Dennoch zögert der Mittdreißiger Jerome Daimler, der wieder im Bungalow seines Vaters im Maintal wohnt, die Einladung zum 58. Geburtstag von dessen Freundin Beate anzunehmen. Der freiberufliche Webdesigner geht davon aus, auf der Party niemandem zu begegnen, der ihm etwas Interessantes zu erzählen hätte, und sagt ab. Jeromes Freundin Tanja Arnheim, eine in Berlin ansässige Schriftstellerin, feiert am 30. April 2018 ihren 30. Geburtstag. "Es wird darum gehen, das neue Alter zu ästhetisieren", glaubt sie. Als es soweit ist, genießt sie in ihrer Neuköllner Wohnung im Schein eines Leuchtglobus mit Jerome genussvollen Sex durch die "Entscheidung zu absoluter Langsamkeit und demonstrativer Nähe". Anschließend schlafen sie zehn Stunden.

Ein Jahr später hat sich das Kreativ-Paar getrennt. Immerhin kann sich Tanja am 31. Geburtstag über einen Badminton-Schläger "mit mittelharter Bespannung und neongelbem Griffband" freuen. Sie trainiert am liebsten in der Allegro-Grundschule in Tiergarten. Der Name dieser Schule hat den Autor nach eigenen Angaben zu seinem Romantitel inspiriert, der wie eine Synthese aus Musik und Bildender Kunst wirkt und auch ein Modelabel zieren könnte. Das Pastell-Element entsteht durch den betörenden Sound von Randts Sprache, der bereits 2011 beim Bachmann-Wettbewerb aufhorchen ließ. Er gewann ihn verdient mit einem Auszug aus "Schimmernder Dunst über Coby County". Die Dystopie handelt von einem Literaturagenten, dem in einer maritimen Wellnessoase Unerklärliches zustößt.

"Allegro Pastell" erzählt vom hitzerekordverdächtigen Frühling 2018 bis zum Sommer 2019. Im Gegensatz zu seinen bisherigen Büchern bleibt der Autor diesmal im Lande und beschreibt die Städte, die er am besten kennt: Frankfurt mit seinem großen Einzugsgebiet und Berlin. "Berlin kann jeder, Frankfurt ist Kunst", heißt es programmatisch. Jerome ist stolz darauf, trotz seines kreativen Berufs nie nach Berlin gezogen zu sein, dennoch denkt er viel über die hauptstädtischen Anziehungskräfte und die Schwächung des kulturellen Föderalismus nach.

So winzig die Risse in der geschilderten heilen Wohlstandswelt erscheinen mögen: Sie sind vorhanden, um das Licht hindurch zu lassen, wie es in einem Song von Leonard Cohen heißt. Im Fall von Randt fällt das Licht der Erkenntnis auf ein sanftes, fröhliches Deutschland. Es wird von jungen Menschen bevölkert, die gern Bahn fahren, um im Bordbistro zu sitzen, und die den Trend zur Achtsamkeit internalisiert haben: auf die eigene Person bezogen: "Am Wochenende meldete sich Jerome mit einem Selbstportrait, das er beim Joggen aufgenommen hatte. Er war darauf mit einem weißen Stirnband zu sehen, im Hintergrund Windräder und ein wolkenloser Himmel. Unter das Bild textete er: ",300 % Joy’. Tanja gefiel die Nachricht." Wenn es überhaupt zu Differenzen kommt, sind Jerome und Tanja "diffus sauer" aufeinander. Vermutlich rührt diese unheimliche Dauerharmonie daher, dass beide keine "Elternaggressionen" kompensieren mussten, diese waren "eben sehr in Ordnung".

Seit dem Erscheinen ihres Debütromans "PanoptikumNeu", der von schwulen Virtual-Reality-Fans handelt, ist Tanja eine gefragte Expertin für diese Phänomene. Bedingt durch den Erfolg ihres Erstlings, fällt es ihr schwer, eine Idee für das zweite Buch zu entwickeln. Vage soll es um die Freundschaft zweier Frauen gehen. Hinter der Fassade des Liebes- und Künstlerromans entpuppt sich "Allegro Pastell" als analytischer Deutschlandroman, in dem es um dieses unentwegt sich selbst bespiegelnde Volk geht. Tanja schätzt an ihren Fernreisen am meisten, dass sie mit einem gewissen Fremdheitsgefühl zurückkommt. Ähnlich desillusionierend erscheinen die emotionalen Beziehungen: Es geht weniger darum, einen anderen zu lieben, als um die Frage, wie man sich als Liebender fühlt – befeuert durch die Kommunikationsplattformen, auf denen jede Gemütsregung gnadenlos reflektiert wird.

Bei Tanja kommt erschwerend hinzu, dass sie als Tochter einer Psychologin ihre Beziehungsprobleme mit der eigenen Mutter diskutiert: "Seit Tanja ü-zwanzig war, hatten sie versucht, wie Freundinnen miteinander umzugehen." Dass solche Gespräche im Multimediaraum ihres Bremer Elternhauses geführt werden und Tanja auf einem kupferroten Teppich sitzt, "der jedes Jahr im Oktober professionell gereinigt wurde", zeigt die feine, elegante Ironie, die Randts Texte unverwechselbar macht. Wie Champignons ploppen in dieser sprachlichen Wohlfühllandschaft unzählige "Okays" auf. Aber ist tatsächlich alles o.k.? Ausgerechnet Tanjas Schwester Sarah leidet unter einer so schweren Depression, dass sie sich in eine Klinik einweisen lässt. Es ist bemerkenswert, dass Sarah nie zu Wort kommt: Es wird über sie gesprochen.

Nach ihrer Trennung begegnen sich Tanja und Jerome an einem brütend heißen Herbsttag bei einer Hochzeit in Thüringen. Beide habe andere Partner gewählt, am Horizont deutet sich eine Familiengründung an, doch sie kommen nicht voneinander los. Eine ähnliche Leser-Text-Bindung entfaltet auch dieser außergewöhnliche Gegenwartsroman, in dem – wie sollte es anders sein – erneut eine Dystopie schlummert. "Allegro Pastell" sickert unmerklich ins Bewusstsein ein – bis die eigene Wirklichkeit verdächtig bonbonfarben erscheint.

Leif Randt: Allegro Pastell. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 288 Seiten, 22 Euro.