43 Kilometer Müll aus der Kasse

Verena Wehrle und Nina Hesse

Von Verena Wehrle & Nina Hesse

Mo, 20. Januar 2020

Waldshut-Tiengen

Händler am Hochrhein ärgern sich über Bonpflicht / Neue Regelung sorgt für Mehrkosten und Müllproduktion.

WALDSHUT-TIENGEN. Ein Karlsruher Restaurantbesitzer hängt aus Protest 1000 Kassenbons an die Raumdecke, andere Geschäftsleute drohen damit, die Zettel zu sammeln und an das jeweils zuständige Finanzamt zu schicken: Protest regt sich im ganzen Land gegen die zu Beginn des Jahres gültige Kassenbonpflicht. Auch bei den Händlern in der Region macht sich zunehmend Unmut über die die neue Regelung breit.

Sie soll sicherstellen, dass ein Kaufvorgang auch wirklich in die Kasse eingegeben wird. Damit trete der Gesetzgeber Steuerausfällen bei bargeldintensiven Betrieben (wie Bäcker, Metzger, Wirte) entgegen, wie Antje Mohrmann vom Finanzministerium Baden-Württemberg erklärt. In der Begründung für das Gesetz geht man von Steuerverlusten in Höhe von bis zu zehn Milliarden Euro jährlich aus.

In den Regalen stehen Holzkugeln, Bindfäden, Dekobänder und viele weitere Dekorations-und Bastelartikel. Vieles kostet nur ein paar Cent. Bisher konnte Irene Schwarz vom Bastelfachhandel in Bad Säckingen das Drucken der Bons an der Kasse sperren, aber die Buchung war dennoch registriert. Doch das ist nun nicht mehr erlaubt. Sie selbst halte "gar nichts von der neuen Pflicht, Bons auszudrucken, die die Kunden ohnehin nicht haben möchten". Rosmarie Küpfer, Geschäftsleiterin der Bäckerei Küpfer in Waldshut, hat bereits einen Antrag beim Finanzamt auf Befreiung von der Kassenbonpflicht gestellt. Sie hofft auf eine Veränderung der Kassenbonpflicht, vor allem für Betriebe wie den ihren. "Meine Kundschaft wechselt von Tag zu Tag. Schüler kaufen zum Beispiel eine Caprisonne für 50 Cent, oder ein Brötchen für 30 Cent", sagt Küpfer. Deshalb würde die Kassenbonpflicht für ihren Betrieb sinnlos sein. "Die Schüler kommen schnell und gehen schnell, niemand möchte einen Kassenbon haben", erklärt sie. "Manche Kunden machen sogar schon Witze über die Kassenbonpflicht bei uns", erzählt Rosmarie Küpfer. Außerdem würden alle Einträge von der Kasse auf einen USB-Stick übertragen und somit gespeichert werden. In der Bäckerei achte man immer mehr auf die Umwelt und die Nachhaltigkeit, beispielsweise bei Kaffeebechern und Verpackungsmaterial. Für Küpfer sei die Pflicht, Belege auszudrucken "Papierverschwendung", da diese immer im Müll landen würden.

Laut Leonardo Pisano, Besitzer des gleichnamigen Tabakwaren-Ladens in Waldshut, erhöhe die Kassenbonpflicht seine Ausgaben: "Früher habe ich die Papierrollen für die Kassenbelege nach zwei oder drei Wochen ausgewechselt. Mittlerweile muss ich das jeden zweiten Tag machen", sagt er. Er würde Pakete mit Papierrollen im Wert von mehr als 100 Euro bestellen. Dies müsse er nun jeden zweiten Monat machen, was sich für ihn wirtschaftlich nicht positiv auswirken würde. "Die Kassenbons landen sowieso nur im Müll, da kaum ein Kunde bei einem Einkauf mit solch niedrigem Wert nach dem Bon fragt", erklärt der Verkäufer. Dennoch: "Ich verstehe die Umstellung, es ist wichtig, um die Richtigkeit nachweisen zu können."

Das Gleiche erlebt auch Günther Czutka vom Kiosk, Bistro und Imbiss Gleis 3 in Wehr. Jedoch hat er "überhaupt kein Verständnis" für das Gesetz und ärgert sich sehr darüber: "Das ist absoluter Schwachsinn." Er verkauft vieles, das nur wenige Cent kostet. Bisher hat auch er den Bonausdruck in der Kasse unterdrückt, wobei dennoch jede Buchung registriert worden sei. Da nun viele gesetzliche Vorgaben und das Logo auf dem Bon Platz brauchen, ist ein Bon für nur ein Produkt bereits 20 Zentimeter lang. Dies sei eine enorme Müllproduktion, wie seine Überschlagsrechnung zeigt: Pro Tag hat er rund 590 Kassenbuchungen, 365 Tage hat er geöffnet. Dies bedeutet, dass am Tag rund 118 Meter und im Jahr 43 Kilometer Thermopapier benötigt werden. Somit benötigt Czutka nun 882 Kassenrollen pro Jahr. "Früher hat eine Rolle eine Woche gereicht, jetzt hält sie nur zweieinhalb Tage", erklärt er.

Während für viele Geschäftsleute die Kassenbonpflicht eine Umstellung ist, gibt es auch einige, bei denen sich nichts ändert. Einer von ihnen ist Jochen Seipp, Geschäftsführer von Seipp Wohnen in Waldshut. "Bei uns gab es schon immer Kassenbons, wir tippen sowieso alles", erklärt Seipp. Wie der Sprecher des Werbe- und Förderungskreis Waldshut erklärt, habe der Einzelhandel in Waldshut keine größeren Schwierigkeiten bei der Umstellung zur Kassenbonpflicht. "Wir ringen eher mit der Bagatellgrenze", so Seipp. Als Alternative zum Papier-Bon ist es auch möglich, dass der Beleg dem Kunden per Mail zugestellt wird. Auch möglich ist es, Apps zu nutzen, die dem Händler ermöglichen, dem Kunden seine Bons einfach aufs Smartphone zu schicken. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Kunden die App auf ihrem Mobilgerät installieren. Keiner der befragten Händler nutzt ein digitalisiertes System, auch nicht jene, deren Kasse es kann. "Eine elektronische Variante wäre für mich viel zu aufwendig", sagt zum Beispiel Günther Czutka aus Wehr.

In Italien gibt es die Kassenbonpflicht schon länger. Hier stehen von Zeit zu Zeit Kontrolleure vor den Geschäften und kontrollieren die Bons der Kunden. Die Kontrollen sollen auch in Deutschland verstärkt werden, wie Antje Mohrmann vom Finanzministerium erklärt: "Unangekündigte Kassennachschauen sind bereits seit vorletztem Jahr möglich und werden durchgeführt. Dafür können die Kassenprüfer ohne Voranmeldung um einen Kassensturz bitten und prüfen dann, ob das vorhandene Bargeld und die Kassenvorgänge zueinander passen."