Aktenzeichen XY – vermisst

70 Hinweise zur vermissten Scarlett Salice, deutlich weniger zum Fall Yolanda Klug

Frank Zimmermann und dpa

Von Frank Zimmermann & dpa

Do, 30. Juni 2022 um 13:30 Uhr

Südwest

Die eine, Scarlett Salice, verschwand 2020 beim Wandern im Schwarzwald, die andere, Yolanda Klug aus Steinen bei Lörrach, in Leipzig. Beide Vermisstenfälle wurden nun in "Aktenzeichen XY" behandelt.

Zwei der vier Fälle in der ersten Folge von "Aktenzeichen XY – vermisst", einem Ableger des 55 Jahre alten ZDF-Dauerbrenners "XY ungelöst", am Mittwochabend befassten sich mit vermissten Frauen, die einen Bezug zu Südbaden aufweisen.

Dabei gingen die meisten aller Hinweise zum Fall der seit 10. September 2020 im Südschwarzwald – auf dem Schluchtensteig-Wanderweg – vermissten Scarlett Salice ein, insgesamt mehr als 70 [Ergänzung vom 1. Juli: Bis Freitag, 1. Juli, war die Zahl der Hinweise laut Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen auf 110 angewachsen]. "Die Bewertung der Hinweise dauert derzeit noch an", sagte Rahel Diers, Pressesprecherin der zuständigen Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen, am Donnerstagvormittag auf Anfrage der BZ. "Ob sich aus den Hinweisen neue Erkenntnisse hinsichtlich des Verbleibs der Vermissten ergeben, kann zur Zeit nicht gesagt werden." Die Auswertung aller Hinweise werde "einige Zeit" in Anspruch nehmen.

Wegen der Pandemie nach Deutschland zurückgekehrt

ZDF-Moderator Rudi Cerne sprach in der Sendung von einem "verhängnisvollen Kurztrip". Eigentlich hatte die 26-jährige Studentin aus dem nordrhein-westfälischen Bad Lippspringe 2020 mit ihrem Freund Joey aus Myanmar nach China ziehen und dort Englisch unterrichten wollen. Die beiden waren vier Monate durch Südostasien gereist, ehe Scarlett Salice im März 2020 wegen der Corona-Pandemie nach Deutschland zurückkehren musste. Weil sie danach wegen der Einreisebestimmungen nicht wieder nach Asien zurück zu ihrem Freund konnte, überbrückte sie die Zeit in Europa mit Wanderungen – zuerst mit ihrer Mutter auf dem Jakobsweg, danach allein auf dem 120 Kilometer langen und sechs Etappen umfassenden Schluchtensteig-Wanderweg im Schwarzwald.

Am 10. September morgens um zehn nach neun verließ Scarlett Salice die Kirchberghütte in Richtung Todtmoos, wo von ihr eine letzte Aufnahme durch eine Überwachungskamera in einem Edeka-Supermarkt gemacht wurde, und zwar zwischen 10.08 Uhr und 10.14 Uhr. Anschließend ging sie zu einem Steinlabyrinth im Kurpark Todtmoos und sprach dort noch einmal per Videocall mit ihrem Freund in Asien. Allerdings war die Verbindung schlecht. Ob das der Grund war, dass ihr Freund in Asien Scarlett als "glücklich, aber nicht so wie sonst" wahrnahm, ließen die Ermittler offen, es könnte aber ein Grund sein. Jedenfalls war es das letzte Mal, dass Scarletts Handy ins öffentliche WLAN-Netz eingeloggt war.

Die Spur von Scarlett Salice verlor sich dann zwischen Todtmoos und Wehr, am selben Tag um 17 Uhr schrieb ihr ein Freund noch eine Nachricht aufs Handy, bekam aber keine Antwort mehr.

In der ZDF-Sendung kam auch ausführlich Scarletts Vater Ralf Salice zu Wort. Als Scarlett nicht wie vereinbart mit dem Auto auf der Rückreise nach Nordrhein-Westfalen bei einer Freundin in Mainz vorbeigeschaut hatte, habe man eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Es folgten umfangreiche Suchmaßnahmen und Meldungen in den regionalen und überregionalen Medien.

"Man kann nicht abschließen, bevor man nicht weiß, wo sie ist und was passiert ist" Scarletts Tante Gina Salice
Eine Zeugin will Scarlett Salice am 10. September noch auf einem Parkplatz in Wehr, am Ziel der Wanderung, gesehen haben. Allerdings sagte Staatsanwältin Diers, dass es an jenem Tag eine "optisch sehr ähnlich aussehende Wanderin" in dem Gebiet gegeben habe, was eine Verwechslung zumindest möglich macht. Neben dem Vater war auch Scarletts Tante Gina Salice am Mittwochabend live im TV-Studio. "Man kann nicht abschließen, bevor man nicht weiß, wo sie ist und was passiert ist", sagte sie. Scarletts Familie hat zusammen mit Freunden und Bekannten große Anstrengungen unternommen, die damals 26-Jährige zu finden und für entscheidende Hinweise eine Belohnung von 12.000 Euro ausgesetzt.

Christian Weinhold von der Kriminalpolizei Waldshut-Tiengen sagte abschließend in der Sendung über Scarletts Schicksal: "Dass sie abgestürzt ist, ist auf jeden Fall möglich und erscheint naheliegend." Es könne aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie ihre Pläne geändert und zu jemandem ins Auto gestiegen sei – was immer danach passiert sein mag.

Der Fall Yolanda Klug: Deutlich weniger Hinweise

Zum Fall der am 25. September 2019 in ihrem Studienort Leipzig verschwundenen Yolanda Klug aus Steinen bei Lörrach erreichten die zuständige Polizei Leipzig bis Donnerstagmorgen deutlich weniger, rund 15 Hinweise, sagte eine Sprecherin der Polizei. [Ergänzung vom 1. Juli: Bis Freitag, 1. Juli, waren bei der Polizei Leipzig dann doch Hinweise "im mittleren zweistelligen Bereich" eingegangen, sagte Polizeisprecherin Dorothea Benndorf auf Nachfrage der Badischen Zeitung]. Nähere Angaben zu Inhalt und Bedeutung der Hinweise wollte die Sprecherin am Donnerstagmittag noch nicht machen.

Die damals 23 Jahre alte Architekturstudentin Yolanda Klug wurde das letzte Mal lebend gesehen, als sie mit der Straßenbahn und danach mit einem Bus von Leipzig ins nahe gelegene Günthersdorf fuhr, wo sie bei Ikea einkaufen wollte. Ob sie dort tatsächlich war und ob sie am Abend auf Burg Giebichenstein, dem Campus der Kunsthochschule Halle, war, wo sie eine Freundin für einen gemeinsamen Kinobesuch treffen wollte, ist unklar. Die Freundin versuchte vergeblich, Yolanda auf dem Handy zu erreichen, dieses konnte auch nicht mehr geortet werden.

Groß angelegte Suchen blieben erfolglos

Allerdings haben Spürhunde dort überall Yolandas Geruchsspuren aufgenommen. Einen Zeugen oder eine Zeugin, dass sie in Halle war, gibt es bislang aber nicht. Groß angelegte Suchen, auch in Gewässern der Gegend, blieben zudem erfolglos. Selbst mit einem Radargerät wurde der Untergrund abgesucht, da eine zur fraglichen Zeit geöffnete Baugrube auf dem Hochschulcampus in Halle zum Zeitpunkt der Suche nach Yolanda Klug schon wieder zugeschüttet worden war. Schon am Tag nach ihrem Verschwinden gab die Polizei eine Vermisstenmeldung an die Medien, und schon nach fünf Tagen, also wesentlich schneller als in den meisten Vermisstenfällen, übernahm die Leipziger Mordkommission die Ermittlungen.

Neben einem Verbrechen kam anfangs auch in Frage, dass Yolanda Klug eventuell das Bewusstsein verloren haben könnte, da sie in der Vergangenheit immer wieder Schwächeanfälle hatte und ihre Freunde und Freundinnen deshalb in Sorge waren. Von der Ohnmachts-Variante ist die Polizei inzwischen aber abgerückt.

Erstmals erwähnt in der ZDF-Sendung am Mittwochabend wurde die Tatsache, dass Yolanda Klug Mitglied bei Scientology war und dort etwa zwei Jahre vor ihrem Verschwinden ausstieg und sich einer Freien Evangelischen Kirche anschloss. Die Polizei wollte einen Zusammenhang zwischen dem Scientology-Kontakt und Yolandas Verschwinden "nicht ausschließen", so die Leipziger Polizeisprecherin Dorothea Benndorf in dem Filmbeitrag der "XY"-Sendung. Yolandas Familie glaubt jedoch nicht, dass dies etwas mit Yolandas Verschwinden zu tun haben könnte.

Nichts spricht für ein freiwilliges Verschwinden

Yolanda galt als zuverlässig und reisebegeistert, sie hatte vor ihrem Verschwinden bereits sowohl Bahntickets als auch ein Flugticket nach Jordanien, wo sie ein Auslandsjahr im Studium verbrachte, gekauft. Und sie hatte "unzählige Kontakte auf der ganzen Welt, und längst hat die Polizei nicht alle Menschen gefunden, die mit ihr zu tun hatten", heißt es in dem "XY"-Beitrag. Yolanda Klug hatte also viele Pläne und laut aller Angehörigen und Freunde keinen Grund, abzutauchen. Weder rührte sie ihre Ersparnisse (8000 Euro) auf ihrem Konto an noch hatte irgendjemand je wieder Kontakt mit Yolanda Klug. Nichts spricht demnach für ein freiwilliges Verschwinden von ihr.

Die Polizei rief in der Sendung vor allem die etwa 150 Besucher der Veranstaltungsreihe "Herbstsession" auf dem Kunsthochschulcampus in Halle, in dessen Rahmen Yolanda und ihre Freundin am Abend des 25. September 2019 einen Film schauen wollten, dazu auf, sich zu melden und Fotos und Videos zu schicken, auf denen Yolanda oder irgendetwas Verdächtiges zu sehen sein könnte.