85 Jahre treu geblieben

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Mo, 23. Januar 2023

Unterm Strich

Walter Orthmann hält einen ganz besonderen Weltrekord. Und er steht für Werte, die wie aus der Zeit gefallen scheinen.

Trotz Polarkälte, Putin, Panzerdebatten und peinlichen Pleiten im Fußball – es gibt sie noch, diese Momente, die einem bei der Zeitungslektüre ein warmes Gefühl rund ums frierende Herz vermitteln. So wie unlängst ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung, bei dem man anerkennend ausrufen musste: "Alter Schwede!"

Doch nein, es geht um einen alten Brasilianer. Um einen honorigen Herren, der wie ein Fels in der Brandung steht – und das in Zeiten, in denen das, was die Arbeitskollegen Karl Marx und Friedrich Engels bereits 1848 konstatiert haben, irgendwie immer noch gültig zu sein scheint: "Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen." Dies schrieben sie zwar unter dem Eindruck der Verelendung der Arbeiterklasse und in Hoffnung auf eine Überwindung bestehender Verhältnisse, also auf eine Zeitenwende. Eine solche lässt sich heute, da von Wummsen die Rede ist, da viele Schulkinder das Wort Loyalität nicht mal mehr buchstabieren können und da viele Menschen den Arbeitsplatz so oft wechseln wie andere Hemd oder Beziehung, nicht mehr leugnen.

Zum Glück gibt es noch Menschen wie Walter Orthmann, so heißt jener Brasilianer deutscher Abstammung. Er wird im April 101 Jahre alt und hat Mitte Januar sein 85. Jubiläum bei ein und demselben Arbeitgeber feiern dürfen, einer Textilfirma im südbrasilianischen Brusque – ein Weltrekord. So viel Beständigkeit schafft nicht mal ein Trainer beim SC Freiburg.

Orthmann begann im Versand, war Botenjunge, arbeitete im Außendienst und ist heute Vertriebsleiter, alles andere als ein elendiger Job. Er steht morgens auf, dehnt und rasiert sich, trinkt Kaffee und fährt mit dem Auto ins Büro. Er beherrscht die neuen Medien und kann im Gegensatz zur heutigen Jugend noch kopfrechnen. Er fühle sich nützlich, sagte er der SZ. Und wir, wir ziehen den Hut.