Straßenverkehr

Die uneingeschränkte Vorherrschaft des Autos ist vorbei

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 05. Juni 2022 um 14:14 Uhr

Südwest

Radweg, Radfahrstreifen, Fahrradschutzstreifen und Fahrradstraße – die Machtverhältnisse im städtischen Straßenverkehr müssen neu gedacht werden. Radfahrer bekommen immer mehr Raum.

Schon wieder einer. Das Auto fährt sehr weit am rechten Fahrbahnrand, holt dann zum Überholen ordentlich weit aus, um im Anschluss gleich wieder ganz nach rechts einzufädeln – mit zwei Rädern auf dem Fahrradschutzstreifen. So kommt das Auto auch vor der nächsten Ampel zum Stehen. Für Radfahrer ist kaum ein Durch- beziehungsweise Vorbeikommen.

Der geduldige Radfahrer zieht die Brauen hoch und stellt sich hinten an in der Abgasschlange, der weniger geduldige hangelt sich irgendwie trotzdem rechts vorbei und riskiert, dafür vom Autofahrer beschimpft zu werden. Dabei ist eigentlich alles genau geregelt.

Den Schutzstreifen dürfen Autofahrer – das besagt die Straßenverkehrsordnung (StVO) – "nur bei Bedarf überfahren insbesondere, um dem Gegenverkehr auszuweichen". Kommt niemand entgegen und besteht kein weiterer ersichtlicher Grund, ist der Streifen den Radfahrenden vorbehalten und nur ihnen. Allerdings weiß das längst nicht jeder. "De facto ist es tatsächlich so, dass es schwer zu überwachen ist", sagt Johann Albrecht, Verkehrsexperte beim Polizeipräsidium Freiburg.

Schwer zu überwachende Streifenregelung

Die Streifenregelung hält Albrecht aber für eine im Prinzip gute Erfindung. Der Gesetzgeber habe festgestellt, dass die Straße nicht mehr dem motorisierten Verkehr allein gehöre, sagt der Polizeihauptkommissar, dass der Radverkehr gestärkt und die Radler geschützt werden sollten. Radfahrende Kinder unter acht Jahren dürfen übrigens nicht nur, sie müssen den Fußweg benutzen und jeweils eine Begleitperson darf es ihnen gleichtun. Für Kinder gilt diese Regel bis zum Alter von zehn Jahren.

Weder auf Fuß- oder Radwegen noch auf dem Schutzstreifen ist hingegen das Parken erlaubt und seit der jüngsten StVO-Novelle im Frühjahr 2021 gilt auch ein generelles Haltverbot. Und ja, selbstverständlich werde das auch in Fahrschulen so unterrichtet, betont Jochen Klima. Er ist Vorsitzender des baden-württembergischen Fahrlehrerverbands und weiß um das Dauerrechtsfahren auf Fahrradschutzstreifen, das weitverbreitet, aber nichtsdestoweniger falsch sei: "Was die Mehrheit macht, ist deshalb ja nicht immer richtig."

Allzu locker solle man die Dinge ohnehin nicht sehen, warnt der Fahrlehrer. Probleme ergäben sich nämlich spätestens immer dann, wenn es zu einem Unfall komme, etwa beim erzwungenen Überholen eines unrechtmäßig abgestellten PKWs oder Lieferwagens. Bei Letzteren könnte man hier und da zwar Verständnis haben, räumt Klima ein, "mehr aber auch nicht".

Als Radfahrer kennt die Problematik auch Frank Borsch zur Genüge. Auf die Frage, wie glücklich er sei mit den Fahrradschutzstreifen, lautet seine Antwort: "Nicht besonders." Schließlich seien die Streifen doch fast der schlechteste Schutz, den man als Radfahrer haben könne. Als Vorstandsmitglied beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Freiburg betont Borsch jedoch: "Es ist aber besser, einen Schutzstreifen zu haben als nichts."

Noch besser wären geschützte Radstreifen

Und tatsächlich fühlen sich alle für diesen Artikel Befragten subjektiv zumindest sicherer, wenn sie den mit einer gestrichelten Linie zur Fahrbahn hin optisch abgegrenzten Schutzstreifen nutzen können. Anders als diese Kompromisslösung ist der an der durchgezogenen Linie erkennbare Radfahrstreifen vollständig Zweirädern und elektrisch unterstützen Pedelecs bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Kilometer in der Stunde vorbehalten. Das muss dann allerdings auch die Straßenbreite hergeben.

Noch glücklicher wäre Frank Borsch mit geschützten Radstreifen, sogenannten "Protected Bike Lanes" mit baulicher Abgrenzung – seien es nun Bepflanzungen oder Poller: "Das ergibt dann nicht nur ein subjektiv höheres Sicherheitsgefühl." Was allerdings alle Radfahr- oder Schutzstreifen, die gelegentlichen farblichen Hervorhebungen in Rot oder Grün etwa an Kreuzungen, oder selbst die ohne Streifen nur auf die Bahn gemalten Fahrrad-Piktogramme verbindet, das ist die Erinnerung an die gebotene Rücksichtnahme. Wer als Autofahrer unterwegs sei, dem werde ins Bewusstsein gerückt, so Borsch, "dass es ja auch noch die anderen gibt".

Und wie steht es um die gefühlte Konkurrenz, die potenzielle Gereiztheit gegenüber Radlern im Straßenverkehr? Der ADFC-Mann sieht hier eine gewisse Blitzableiterfunktion, seien doch Autofahrer in der Stadt vielfach genervt und im Stopp-and-Go-Verkehr zweirädrig mehrfach überholt erst recht.

Stattdessen würde er den Autofahrern gerne zurufen: "Freut euch!" Stiegen all die Nichtmotorisierten nämlich aufs Auto um, der Stau nähme kein Ende mehr. Tatsächlich wächst die Autodichte weiter, gab es doch gemäß dem Statistik-Portal Statista im Januar 2022 mit 48,54 Millionen gemeldeten PKW in Deutschland den höchsten je gemessenen Stand und einen dementsprechend höheren Platzverbrauch.

Auch Radfahrer melden größeren Platzbedarf an

Platzbedarf meldet indes immer vernehmbarer auch die andere Seite an. So werden in Innenstädten vermehrt spezielle Fahrradstraßen ausgewiesen, in denen der Veloverkehr grundsätzlich Vorrang hat und für PKW – vorausgesetzt sie sind überhaupt berechtigt – Tempo 30 gilt. Hinzu kommen geplante Radschnellwege mit drei oder vier Metern Breite je Spur und mindestens fünf Kilometern Länge, bei denen es weniger auf Geschwindigkeit als auf größtmögliche Störungsfreiheit für den Radverkehr ankommt.

Die uneingeschränkte Vorherrschaft des motorisierten Verkehrs hat nicht nur planerisch und in ausgewiesenen Fahrradstädten wie Freiburg ausgedient. Das Rathaus in Freiburg hat zuletzt das "größte Ausbauprogramm der Stadtgeschichte" lanciert und während zwei Jahren 16 Millionen Euro in den Ausbau des Fuß- und Radverkehrs gesteckt.

"Das Abstandhalten beim Überholen hat sich massiv gebessert." Frank Borsch
Zugenommen haben auch die gegenseitige Rücksichtnahme und die Einhaltung des Abstandsgebots. So sind gemäß StVO zu Radfahrenden, auch wenn sie auf Schutzstreifen fahren, 1,5 Meter Abstand innerorts und mindestens zwei Meter außerorts einzuhalten. Musste man auf zwei Rädern vor nicht allzu langer Zeit um sein Leben fürchten, hat hier ein Umdenken eingesetzt. Auch wenn das nur ein subjektives Empfinden sei, sagt Radfahrer Frank Borsch: "Das Abstandhalten beim Überholen hat sich massiv gebessert." Trotzdem lasse sich leider nicht leugnen: "Es gibt eigentlich nie Platz genug für alle."

So sieht es auch Alexandra Bühler, Radverkehrsbeauftragte für den Landkreis Lörrach, die sich vor allem mehr Miteinander und "mehr Augenhöhe" wünscht: "Es wäre schön, wenn man in gleichberechtigteren Kategorien denken würde", sagt sie. Auch Bühler sieht, dass sich die bestehenden unterschiedlichen Regelungen oft erst durchsetzen müssten, nicht selten bestehe wie bei den Schutzstreifen tatsächlich ein gewisses Informationsdefizit. Die Hauptintention bei den Streifen sei aber die Sichtbarmachung des Fahrradverkehrs und das scheint allemal geglückt, da sind sich alle einig.

Um die Sichtbarmachung ging es auch es auch bei dem seit 1998 begangenen Europäischen Tag des Fahrrads am 3. Juni, der eben erst wieder gefeiert wurde. Er soll daran erinnern, dass es sich beim Fahrrad um das gesündeste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel überhaupt handelt.

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