Abtauchen in eine andere Welt

Benjamin Siebert, Florian Lütticke

Von Benjamin Siebert & Florian Lütticke

So, 29. November 2020

Familien (TICKET)

Der Sonntag Von Städtebau bis Pandemie: Fünf empfehlenswerte Legacy-Spiele, bei denen sich das Szenario ständig verändert.

Sie verändern sich und die Welt der Brettspiele: Selbst die großen Verlage kommen an den Legacy-Spielen nicht mehr vorbei. Nach mehreren Partien gleicht kein Spiel dem anderen.

Eine Spielkarte zerreißen, neue Regel-Sticker in die Anleitung kleben oder das Spielbrett beschriften? Was verrückt klingt, hat sich in der Brettspielszene längst zu einem Trend entwickelt: So genannte Legacy-Spiele (engl. Vermächtnis) mit permanenten Veränderungen des jeweiligen Spiels von Partie zu Partie.

Alleine bei den diesjährigen Nominierungen zu den Branchenpreisen "Spiel des Jahres" und "Kennerspiel des Jahres" waren mit "My City" und "The King’s Dilemma" zwei Legacy-Spiele dabei.

"Sie sind etwas Besonderes, weil es sich anfühlt, als stehe richtig etwas auf dem Spiel. Es ist wie ein Essen in einem netten Restaurant. Es wird genau einmal passieren und man kann nicht zurückgehen und von vorne beginnen", erklärt Spiele-Entwickler Rob Daviau die Faszination dieser Gattung.

Der 50 Jahre alte Amerikaner hatte die Idee und brachte 2011 "Risiko Evolution" als erstes Legacy-Spiel überhaupt auf den Markt: Eine Variante des Klassikers "Risiko", bei der gelegentlich Länderkarten für immer zerstört werden oder bestimmte Gebiete auf dem Spielbrett permanent Spezialaufkleber erhalten.

Anfangs verschlossene Boxen werden aufgerissen, Umschläge geöffnet und immer wieder kommen neue, teils überraschende Elemente ins Spiel.

"Risiko Evolution" war so beliebt, dass es mittlerweile vergriffen ist. Doch das Prinzip, mehrere Partien hintereinander zu spielen und so das ganze Spiel zu verändern, war geboren.

Wegen der sich fortsetzenden Story ist es am besten, alle Partien mit den gleichen Mitspielern zu absolvieren. Nach einer bestimmten Anzahl Spiele sind Legacy-Spiele beendet, meist gleicht dann kein Spielbrett dem anderen. Wegen der geringeren Nachhaltigkeit gibt es auch Kritiker an diesem Prinzip.

"Das klassische Legacy-Spiel wollen wir deshalb nicht machen, weil wir es ablehnen, dass Spielmaterial zerstört wird", sagt Autor und Verlagsinhaber Reiner Stockhausen von dlp games. "Auch die Endlichkeit der Partien finden wir nicht konstruktiv." Stockhausen bevorzugt in seinem Hause Spiele, die zurücksetzbare Kampagnen-Elemente haben, wie zum Beispiel beim Spiel "Maracaibo".

Doch die meisten Verlage sind offen für Legacy-Spiele. Insbesondere die oft spannende Story erzeugt eine Sog-Wirkung. Beim beliebten "Pandemic Legacy" ist die Geschichte so dicht, dass teilweise Serien-Feeling aufkommt.

"Es ist eine Erfahrung, nicht nur ein Spiel. Es ist eine Story, in der man leben und die man ausgestalten kann", erklärt Rob Daviau, der als Co-Autor mit Matt Leacock "Pandemic Legacy" entwarf. Im Herbst 2020 erschien der dritte Teil, der vor den anderen beiden spielt und ein Agenten-Setting hat: "Pandemic Legacy, Season 0".
FÜNF EMPFEHLENSWERTE
LEGACY-SPIELE
My City: Das Puzzle-Spiel, bei dem jeder immer wieder seine eigene Stadt bauen muss, ist sehr zugänglich, schnell gespielt und bestens für Familien geeignet. Angenehm ist, dass die bis zu vier Spieler gleichzeitig spielen und niemand warten muss: Eine Karte wird gezogen, alle positionieren das gleiche Puzzleteil auf dem eigenen Spielplan, um bestimmte Ziele zu erreichen. Die Kampagne beinhaltet acht Kapitel mit je drei Szenarien. Anschließend gibt es zudem auf der Spielplanrückseite einen Modus, der immer wieder gespielt werden kann. Sehr kurzweilig.
My City: Reiner Knizia, Verlag Kosmos, für 2 bis 4 Spieler, ab 10 Jahren, Spieldauer 30 Minuten, Preis ca. 30 Euro

Pandemic Legacy: Das kooperative Spiel basiert auf dem Spiele-Klassiker "Pandemie" und ist dementsprechend leider hochaktuell. Gemeinsam versuchen die Spieler auf einer Weltkarte eine Pandemie zu bekämpfen, und für vier unterschiedliche Krankheiten Gegenmittel zu finden. Die Spieler, die jeweils unterschiedliche Charaktere spielen und entwickeln, haben im Spiel 12 Monate (Spiele) Zeit, um die Kampagne bestmöglich abzuschließen. Bei einer Niederlage wird der Monat einfach nochmal gespielt.
Pandemic Legacy, Season 1: Matt Leacock und Rob Daviau, Verlag/Vertrieb Asmodee, für 2 bis 4 Spieler, ab 13 Jahren, Spieldauer 60+ Minuten, Preis ca. 50 Euro

The King’s Dilemma: Der Fokus liegt bei diesem Spiel klar auf der gut erzählten Geschichte. In einer fiktiven mittelalterlichen Welt vertritt jeder eine Familie (Haus) im königlichen Rat. Der König braucht bei kniffligen Entscheidungen immer wieder die Hilfe des Rates. Dabei gilt es, in einem Abstimmungsverfahren die Mitspieler geschickt auf seine Seite zu ziehen – sei es durch Überzeugungskraft oder Bestechung, um so seine eigenen Ziele zu erfüllen. Thematisch könnte es das inoffizielle Brettspiel zur beliebten TV-Serie "Game of Thrones" sein.

Die Story hat es durchaus in sich und richtet sich vor allem an Erwachsene oder ältere Kinder. Am besten zu fünft. Bei entsprechender Vorbereitung auch gut über Videokonferenz spielbar.
The King’s Dilemma: Lorenzo Silva und Hjalmar Hach, Verlag/Vertrieb Horrible Guild/Heidelbär Games, für 3 bis 5 Spieler, ab 14 Jahren, Spieldauer 60 Minuten, Preis ca. 60 Euro

The Rise of Queensdale: Auch ein Spiel mit royalem Thema – die Spieler übernehmen jeweils die Rolle eines Baumeisters des königlichen Schlosses von König Nepomuk II. Jeder Charakter besitzt persönliche Ziele. Würfel können mit Aufklebern individuell gestaltet werden, auch der Spielplan mit wabenförmigen Teilen entwickelt sich von Partie zu Partie weiter. Mit einem lilafarbenen Pömpel werden die einzelnen Teile herausgezogen und wieder eingesetzt. Reichlich Material sorgt für Verwaltungsaufwand zwischen den Spielen, doch insgesamt sorgt das langsam komplexer werdende Regelwerk für dauerhafte Spielfreude.
The Rise of Queensdale: Inka und Markus Brand, Verlag Ravensburger, für 2 bis 4 Spieler, ab 12 Jahren, Spieldauer 45–60 Minuten, Preis ca. 55 Euro

Gloomhaven: Alleine die Schachtel ist eine Wucht. Zehn Kilogramm wiegt das Spiel, das in einer Fantasy-Umgebung angesiedelt ist. Der Inhalt ist nur etwas für erfahrene Spieler, die jeweils einen eigenen Charakter durch bis zu 95 Szenarien steuern. Die Spieler agieren gemeinsam und kämpfen gegen Monster. Doch jeder Charakter hat auch ein geheimes Lebensziel – wenn dieses erreicht wird, geht er in Rente und der Spieler kann die nächste von insgesamt 17 Klassen durch die Gloomhaven-Welt führen.
Gloomhaven: Isaac Childres, Verlag Feuerland, für 1 bis 4 Spieler, ab 12 Jahren, Spieldauer 90 bis 150 Minuten, Preis ca. 150 Euro