Waldshut

Abwanderung in die Schweiz verschärft Pflegenotstand am Hochrhein

Verena Wehrle

Von Verena Wehrle

Mi, 08. Januar 2020 um 14:22 Uhr

Waldshut-Tiengen

Vor allem an der Grenze ist der Fachkräftemangel groß. Denn viele wandern in die Schweiz ab. Doch es gibt Häuser, denen es noch einigermaßen gut läuft. Ein Besuch im Waldshuter Matthias-Claudius-Haus.

Die Personalsituation in der Pflege sei in ganz Deutschland ein großes Problem, sagt Jürgen Späth, Geschäftsführer des Matthias-Claudius-Hauses in Waldshut. "Hier am Hochrhein ist die Situation aber seit Jahren verschärft. Soziale Dienstleister leiden hier auch unter der Abwanderung in die Schweiz", so Späth. Doch: "Uns selbst geht es relativ gut", berichtet der Heimleiter. 50 Prozent des Pflegepersonals müssten laut Gesetz Fachkräfte sein und das Waldshuter Alten- und Pflegeheim erfülle aktuell eine Quote von 57 Prozent. "Wir sind eines der wenigen Häuser hier am Hochrhein, das personell so gut aufgestellt ist."

Was sind Gründe für den Pflegenotstand?

Zum einen sei ein falsches Bild vom Beruf in der Bevölkerung ein Grund für den Pflegenotstand. "Seit Jahren wird negativ über die Pflege berichtet, vor allem was die Bezahlung angeht. Wir unterliegen Tarifverträgen und hatten allein vorheriges Jahr zwei Lohnerhöhungen", sagt Späth. "Ich verstehe nicht, wie oft in den Medien von 1100 Euro Lohn gesprochen wird", erläutert Späth. Laut Tarifvertrag liege das Einstiegsgehalt bei mehr als 3000 Euro. Hinzu kämen Zeitzuschläge samstags ab 13 Uhr, Sonntagszuschläge, Nachtzuschläge, Ortszuschläge für die Kinder und Betriebsrente. Nach zwei Jahren erreiche der Mitarbeiter die nächste Stufe, nach vier Jahren die darauffolgende und vier Jahre später eine weitere Stufe.

Wie wird dem Pflegenotstand entgegengewirkt?

Jürgen Späth ist nach eigenen Angaben vor vielen Jahren nach Rumänien gefahren, habe sich dort nach Personal umgesehen und habe dann einige rumänische Pflegekräfte für eine Arbeit in Deutschland angeworben. Die ersten Rumänen kamen 2010 zum Arbeiten ins Waldshuter Heim. "Sie sind medizinisch besser ausgebildet, jedoch mit dem deutschen Bürokratismus überfordert", erklärt Späth. Und weil die Bürokratie in der Pflege immer größeren Raum einnehme, würden derzeit auch keine weiteren Rumänen mehr eingestellt, so Späth. Von der Volkshochschule erhielten die rumänischen Pflegekräfte im Pflegeheim Deutschunterricht. "Wir besorgten ihnen Wohnraum, wollten, dass sie ihre Familien nachholen", berichtet Späth.

"Man kann davon ausgehen, dass sich die Anzahl der freien Stellen wöchentlich, in jedem Fall aber monatlich ändert." Michael Swientek
Dies sei mit großem Aufwand verbunden gewesen, aber somit wollte das Heim entgegenwirken, dass die Mitarbeiter aus der Ferne in die Schweiz abwandern. "Aber jene ohne familiäre Verpflichtungen sind dennoch abgewandert", erinnert sich Späth. Aktuell arbeiten fünf Rumänen im Matthias-Claudius-Haus.

"Es ist uns natürlich bekannt, dass es sehr schwer für die Einrichtungen ist, qualifiziertes Personal zu finden. In vielen Häusern gibt es freie Stellen", sagt Michael Swientek, Pressesprecher des Landratsamts Waldshut. "Man kann davon ausgehen, dass sich die Anzahl der freien Stellen wöchentlich, in jedem Fall aber monatlich ändert", so Swientek. Zur Abwanderung in die Schweiz sagt er: "Von unserem kreiseigenen Alten- und Pflegeheim in Jestetten ist uns bekannt, dass aus dem Heim sehr viele junge Kolleginnen direkt nach der Ausbildung in die Schweiz gehen."

"Wenn wir nicht genügend Personal haben, nehmen wir auch keine Patienten mehr auf." Jürgen Späth
Wenn ein Heim immer weniger Personal habe, könne es auch weniger Bewohner aufnehmen. Schließlich gebe es einen gesetzlich vorgeschriebenen Personalschlüssel. "Wenn wir nicht genügend Personal haben, nehmen wir auch keine Patienten mehr auf. Das war in der Vergangenheit öfters schon der Fall", sagt Späth. Es gebe immer weniger Heime, die neue Patienten aufnehmen könnten. Auch der Soziale Dienst des Krankenhauses bekomme die Patienten der Kurzzeitpflege häufig nicht in einem Heim untergebracht, erklärt Späth. So komme es immer öfter vor, dass Familien ihre pflegebedürftigen Angehörigen weit weg vom eigenen Wohnort unterbringen müssten.

Das Matthias-Claudius-Haus bekommt laut Späth Anfragen aus Lörrach, Freiburg und auch aus der Schweiz. "Doch wir haben unser Heim für Menschen aus Waldshut-Tiengen gebaut und diese haben Vorrang", bekräftigt Späth.

In der Debatte um den Mangel an Fachkräften in der Pflege ist oft auch die Rede von schlechten Arbeitszeiten und mangelnder Flexibilität. Jürgen Späth sagt als Heimleiter dazu: "In welchem Beruf kann man denn so gut Familie und Beruf vereinbaren wie im Pflegebereich?" Mitarbeiter würden in diesem Haus nur dann arbeiten, wenn die Kinder versorgt seien."Wir haben viele Teilzeitmitarbeiter mit individuellen Arbeitszeiten, weil wir ein 24-Stunden-an 7-Tagen-Betrieb sind." Viele Mitarbeiter würden hier Teilzeit oder nur stundenweise arbeiten und suchen sich dafür einzelne Tage aus. Das bewertet Späth als "sehr familienfreundlich".

Wie sieht es mit den Karrierechancen aus?

Späth zählt zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten in der Pflege auf. Man könne Pflegewissenschaften studieren oder in die Wohnbereichsleitung, Pflegedienstleitung aufsteigen oder auch Lehrer für Pflegeberufe werden. "Es gibt zahlreiche Spezialisierungen, auch ich habe eine Ausbildung zum Pfleger gemacht und bin heute Geschäftsführer eines Heimes", sagt Späth.