Ach, du Schreck!

Mathias Heybrock

Von Mathias Heybrock

Di, 19. März 2019

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Der Historiker Frank Biess beschreibt Deutschland als "Republik der Angst" / Nominiert für den Leipziger Sachbuchpreis .

Ein deutsches Versicherungsunternehmen untersucht alljährlich die Ängste der Deutschen. 2018 war demnach der amerikanische Präsident unser größter Schreck: 69 Prozent der Befragten stimmten der Behauptung zu, die Welt sei durch Herrn Trump gefährlicher geworden.

Die Studie wird von Frank Biess zitiert, einem 1966 geborenen deutschen Historiker, der an der University of California in San Diego lehrt. Politische Ängste kennt er aus eigener Erfahrung. Weil es den "atomaren Holocaust" zu verhindern galt, wurde er als 17-Jähriger in der Friedensbewegung aktiv. Auch solch autobiographische Gründe inspirierten Biess zu seinem jüngsten Buch: einem 600 Seiten starken Werk, das die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland als eine Geschichte aufeinander folgender "Angstzyklen" erzählt. Biess ist damit in der Kategorie Sachbuch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der am Donnerstag vergeben wird.

Die erste Angst der Nachkriegsdeutschen war diejenige vor Vergeltung, vor Racheakten durch Juden, ehemalige Zwangsarbeiter oder alliierte Soldaten. Biess zitiert eine Quelle aus Bald Tölz: Ein "Gedicht", das sich direkt an die deutschen Leser wendet und sie als doppelte Opfer beschreibt – von den Nazis betrogen, von Juden, Polen und "Amis" bedroht und beraubt.

Furcht vor dem Staat, Furcht vor dem Protest

Zu Beginn der 1950er Jahre dann kamen heute kurios anmutende Geschichten darüber auf, nicht näher definierte "Werber" würden deutsche Männer über Nacht in die Fremdenlegion entführen. In dieser Frühphase der Republik, schreibt Biess, äußerten Bevölkerung und Medien Ängste – die Politik aber nicht. Der Autor erklärt das mit einem Misstrauen der staatlichen Organe gegenüber öffentlicher Emotion. Aufstachelung, Fanatismus hatte man im "Dritten Reich" genug gesehen. Betonte Sachlichkeit erschien als das geeignete Gegengift. Bloß kein Rückfall in den "Irrationalismus".

Doch schon zu Beginn der 60er wurden nach Frank Biess die Gefühle im politischen Diskurs aufgewertet. Angst galt jetzt als gutes "Frühwarnsystem, das potenzielle Bedrohungen für die Demokratie identifizierte" – und zwar allen politischen Akteuren: Die Linke fürchtete den starken Staat als Wiederkehr der faschistischen Repression. Die Rechte fürchtete stattdessen, die aufkommenden Protestbewegungen könnten die gerade erst stabilisierte Demokratie wieder ins Wanken bringen.

"Wo auch immer man hinsieht", zitiert Biess schließlich eine Quelle aus dem Jahr 1977: "Die Leute haben Angst." Deutschland war da längst unaufhaltsam auf dem Weg zu jener komplett durchemotionalisierten Gesellschaft, die wir heute kennen und lieben (oder hassen). Man sorgte sich um die Arbeitsplätze und die Umwelt. Man hatte Angst vor der Atomkraft. Man fürchtete, Krebs könne eine Art göttliche Strafe sein; eine Quittung für unerfülltes, falsch gelebtes Leben.

Es ist schon imposant und oft auch erhellend, wie viel Angst Frank Biess in seinem Buch zu Tage fördert. Manche Sorge begann überraschend früh – die ersten Ängste vor der Automation werden hier bereits Ende der 50er Jahre verortet. Die Materialfülle des Buches ist wirklich bestechend. Allerdings wünschte man sich zuweilen etwas mehr Verdichtung; mehr Passagen, in denen nicht nur aufgelistet, sondern Funktionsweisen und Muster von Angst im gesellschaftlichen und politischen Diskurs beschrieben werden. Auch dürfte sich außerhalb engster Fachkreise kaum jemand für die ellenlangen methodischen Vorbemerkungen interessieren, mit denen Biess sich ängstlich abgrenzt und absichert.

Trotzdem lässt sich einiger Nutzen aus seinem Buch ziehen. Allein die Erkenntnis, wie viele unterschiedliche Angstzyklen unsere Republik inzwischen durchgemacht und ausgehalten hat. Könnte uns das für die Zukunft nicht herrlich gelassen machen? Als Beleg dienen, dass die deutsche Demokratie trotz aller emotionalen Wechselbäder beruhigend stabil ist? Vielleicht überleben wir ja sogar Herrn Trump!

Je näher freilich diese historische Untersuchung unserer Gegenwart kommt, desto weniger gelassen wird sie. Das Schlusskapitel ist alarmistisch. Der Autor hat nun das dringende Gefühl, er müsse uns warnen. Vor Thilo Sarrazin zum Beispiel. Vor der "Islamophobie", die er unter anderem der Rechtsanwältin Seyran Ates und der Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek unterstellt. Laut Biess verweigern beider Schriften "dem Islam jene Heterogenität und Vielfalt, die anderen Kollektiven in der Regel zugestanden wird." Nun, das könnte man auch anders sehen. Zum Beispiel so, dass die beiden Frauen im Gegenteil für Heterogenität werben – indem sie einen liberalen Islam gegenüber der rigiden Dominanz eines orthodoxen Islam stark machen.

Der Autor allerdings findet, dass so das "Angstszenario einer assimilationsunfähigen, aber expandierenden Minderheit" gepflegt, dass das "Szenario eines Bürgerkriegs propagiert" wird. Ist das noch Wissenschaft oder schon Aktivismus? Der Historiker jedenfalls untersucht an dieser Stelle gar nichts mehr. Stattdessen behauptet er und malt dabei den Popanz eines drohenden Bürgerkriegs an die Wand: So arbeitet Sprache, die politische Ziele erreichen will. Die Klaviatur der Angst weiß Biess also nicht nur (historisch) zu beschreiben. Er vermag sie auch recht passabel zu spielen.

Frank Biess: Republik der Angst – Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 613 Seiten, 22 Euro.