Mysterium

Forscher rätseln, warum die Corona-Sterberate Afrikas geringer ist als in Europa oder den USA

Gioia Forster

Von Gioia Forster (dpa)

So, 18. Oktober 2020 um 16:21 Uhr

Panorama

Die Prognosen für die afrikanischen Länder waren zu Beginn der Corona-Pandemie katastrophal: Eine rasante Ausbreitung, kollabierende Gesundheitssysteme, Hunderttausende Tote wurden vorhergesagt.

Doch ein halbes Jahr später zeigt sich, dass der Kontinent epidemiologisch nicht so hart getroffen wurde, wie befürchtet. "Afrika hatte seine eigene Pandemie", sagte jüngst Mark Woolhouse, Professor für Infektionskrankheiten und Epidemiologe von der Universität Edinburgh. Die junge Bevölkerung sei dabei ein wichtiger Faktor – doch Experten rätseln noch immer über etliche andere Gründe, warum Afrika das Allerschlimmste bislang erspart blieb.

Der Kontinent hat bisher rund 1,5 Millionen Infektionen mit dem Erreger Sars-CoV-2 verzeichnet. Weil viele Länder noch immer nicht ausreichend testen, dürfte die Dunkelziffer sehr hoch liegen. Wie hoch, dafür geben einige Antikörper-Studien Hinweise. Wissenschaftler in Kenia schätzen, dass etwa 1,6 Millionen Kenianer Corona-Antikörper haben, also infiziert waren. Das sind viel mehr als jene gerade 39 000 Corona-Fälle, die das Land offiziell verzeichnet hat.

Warum hat Afrika dann mit etwa 36 200 Toten im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion eine vergleichsweise niedrige Sterberate? Zwar werden sicher viele Todesfälle nicht diagnostiziert oder verzeichnet, gestehen Politiker und Forscher ein. Gäbe es aber einen sehr großen Anstieg an ungeklärten Todesfällen, würde man es merken, meint die Pathologin Anne Barasa von der Universität Nairobi. In Kenia etwa gebe es "keine Berichte von mehr Todesfällen, und auch Gemeinden haben das nicht gemeldet".

Forscher sind sich einig: Das Alter der Menschen in Afrika spielt eine große Rolle. "In den meisten afrikanischen Ländern sind nur rund drei Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt", erklärt Matshidiso Moeti, die Afrika-Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zum Vergleich: In Deutschland sind es 18 Prozent. Es ist längt bekannt, dass vor allem ältere Menschen an Covid-19 sterben. Das liegt laut Barasa unter anderem daran, dass mit zunehmendem Alter Krankheiten wie Diabetes häufiger werden und das Immunsystem schwächer wird.

Doch dies reicht als Erklärung nicht aus. Wissenschaftler der Universität Dakar im Senegal und der Universität Leiden in den Niederlande haben ausgerechnet, dass anhand der Demografie die Sterberate in Afrika viermal so klein sein sollte wie in Europa oder den USA – nicht aber 40 mal, wie sie es sei.

Zunehmend finden Forscher heraus, dass genetische Unterschiede ein Faktor sind. Einer Studie im Fachjournal Nature zufolge gibt es einen möglichen Zusammenhang zwischen dem uralten Neandertaler-Erbe in unserem Erbgut und schweren Verläufen von Covid-19. Menschen mit dieser Genvariante tragen demnach ein höheres Risiko, nach einer Infektion künstlich beatmet werden zu müssen. Diese Genvariante finde sich häufig bei Menschen in Südasien und Europa – in Afrika komme sie so gut wie nicht vor.

Auch die Lebensbedingungen in Afrika dürften demnach eine Rolle spielen. "Das Virus wird nicht leicht draußen übertragen", sagt Francisca Mutapi, Professorin für globale Gesundheitsinfektionen der Universität Edinburgh. In Afrika verbringe ein großer Teil der Bevölkerung seine Zeit im Freien. Außerdem sei Afrika viel weniger vernetzt, und die Menschen seien nicht so mobil wie in Europa. So verbreite sich das Virus weniger leicht.

Für die Parasitologin Maria Yazdanbakhsh ist das Immunsystem entscheidend – und wie es durch die Umwelt beeinflusst wird. "Ich glaube, da finden wir den Schlüssel", sagt sie. Menschen seien in Afrika ganz anderen Mikroorganismen und Parasiten ausgesetzt als in Europa oder in den USA. Diese würden das Immunsystem fundamental verändern.

Auch Christian Drosten, deutscher Virologe an der Berliner Charité, sagte in einem kürzlich veröffentlichten Interview des World Health Summit, dass etwa Wurminfektionen in afrikanischen Ländern "universell verbreitet" seien und dass diese das Immunsystem beeinflussten. "Wir kennen zwar die genaue Auswirkung auf diese spezielle Covid-19-Viruserkrankung nicht. Es könnte aber eine Erklärung sein."