Ortsfamilienbuch

Im 19. Jahrhundert gab es in Müllheim auffallend viele Johanns

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

Sa, 23. November 2019 um 16:44 Uhr

Müllheim

Der Geschichtsverein Markgräflerland und die Stadt Müllheim stellen die verbesserte Neuauflage des Ortsfamilienbuchs im Markgräfler Museum vor.

Viele interessieren sich mit ihrer Familiengeschichte dafür, woher sie stammen. Mit dem überarbeiteten Familienbuch können Menschen aus Müllheim den eigenen Stammbaum bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Am Dienstag, 26. November, wird das Nachschlagewerk im Markgräfler Museum, um 18 Uhr vorgestellt.

Bevor Standesämter Einwohner in den Gemeinden erfasst haben, haben Pfarrer alle Ereignisse handschriftlich in Kirchenbüchern aufgeschrieben – Taufen, Ehen, Begräbnisse. "Den fünften Februar, morgens um drei Uhr, ein Knabe", heißt es etwa im Standesbuch der evangelischen Gemeinde Müllheim, 1831 bis 1834.

Die digitalisierte Doppelseite, vom Freiburger Staatsarchiv bereitgestellt, sieht ordentlich aus: geschwungene Schreibschrift, sauber auf einer Linie, mit Einzug und Rand. Dennoch sind die Buchstaben aus heutiger Sicht kaum zu entziffern. Das ist mit einem modernen Sippenbuch wesentlich einfacher. Auch in Müllheim gibt es so ein Familienbuch. Vor 20 Jahren erschienen, ist das Nachschlagewerk jedoch längst vergriffen. Sechs Geschichtsinteressierten aus dem Wiesental haben es nun neu aufgelegt.

Das Ortsfamilienbuch wird auch "der Backstein" genannt

Klaus Strütt und Karl Ziegler sind zwei von ihnen. Strütt, Ex-Verwaltungsmitarbeiter aus Schopfheim, 73 Jahre alt, befasst sich seit 2006 mit Sippenbüchern und hat schon zwei solcher Bände für Schopfheim veröffentlicht. Ziegler, aus Lörrach-Hauingen, 82 Jahre alt, verfolgt Familiengeschichten seit er vor 19 Jahren in die USA gereist ist, wo Ahnenforschung weit verbreitet ist. Durch die gemeinsame Arbeit am Müllheimer Familienbuch kennen sie sich.

Zuhause bei Strütt in einer Schopfheimer Altbauwohnung in der Innenstadt sitzen sie mit dem Leiter des Markgräfler Museums Müllheim, Jan Merk, zusammen am Tisch. Vor ihnen liegt "der Backstein", wie Merk das jüngst fertiggestellte Ortsfamilienbuch bezeichnet: 16 323 Personen in 4749 Familienverbänden auf knapp 900 Seiten. Gemäß dem Wunsch von Martin Keller, dem verstorbenen Herausgeber des Vorgängerbands, hat die Gruppe von Ahnenforscher um Ziegler und Strütt das Nachschlagewerk um das 19. Jahrhundert ergänzt. Der neue Band umfasst nun Kirchenbucheinträge von 1639 bis 1870. Danach beginnen die Urkunden bei den Rathäusern.

"Viele fragen sich, woher sie eigentlich stammen?", sagt Strütt, wüssten aber nicht, wie sie es angehen sollen. Strütt empfiehlt bei den Großeltern anzufangen und sich rückwärts durch den Stammbaum zu arbeiten. Für Müllheimer geht das mit dem erweiterten Ortsfamilienbuch relativ leicht. Bereits die Urgroßeltern, sofern sie vor 1871 geboren sind, könnten darin enthalten sein.

Modenamen und Revolution

Laut Müllheims Kulturdezernent Merk ist so ein Ortsfamilienbuch nicht nur interessant, um die eigene Familiengeschichte aufleben zu lassen: "Für die historische Stadtforschung und die Region Markgräflerland ist das Nachschlagewerk auch sozialgeschichtlich sowie aus wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive von großer Bedeutung." An den Daten aus dem Ortsfamilienbuch kann etwa abgelesen werden, dass Johann vor 1900 ein beliebter Vorname bei Männern war. Auffällig ist auch, dass Menschen aus mehr als 300 Schweizer Orten nach Müllheim gezogen sind, die Meisten davon nach dem 30-Jährigen Krieg. Aus der Nachbargemeinde Buggingen hingegen geschätzt nur zwanzig. Strütt zeigt die entsprechenden Einträge dazu auf eine halbe Spalte zusammengefasst im angehängten Ortsverzeichnis.

Ein Berufsverzeichnis verdeutlicht: Früher verdienten die Menschen in Müllheim ihren Lebensunterhalt vor allem als Müller, Gastwirt oder Bauer. Letztere werden in Kirchenbüchern auch als Landwirte geführt. "Wo da der Unterschied liegt, ist uns nicht klar", sagt Ziegler. Der Begriff Landwirt tauche aber mit der Industrialisierung immer häufiger auf.

Als Quelle dienten den Ahnenforschern vor allem evangelische Kirchenbücher

Mit der 48er-Revolution ist im Familienbuch auch deutsche Kulturgeschichte enthalten. Unter dem Eintrag 1217 steht: "Im Jahre Christi Eintausend und achthundertachtundvierzig den zwanzigsten April Morgens um neun Uhr starb auf der Scheidegg bei Kandern meuchlings erschossen von der Aufruhrrotte des Advokaten Hecker Friedrich Balduin von Gagern, General in holländischen Diensten, von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog Leopold betraut mit der Unterdrückung des Heckerschen Aufstandes." "Von Gagern wurde in Müllheim bestattet und sein Leichnam später nach Frankfurt überführt", erklärt Klaus Strütt, warum der Name in einem Müllheimer Kirchenbuch auftaucht.

Die Arbeit an der Neuauflage des Ortsfamilienbuchs war eine Sisyphusarbeit, sagt Strütt. "Wir haben alle im Markgräflerland erschienenen Sippenbücher nach Müllheim durchforstet." Als Quelle dienten den Ahnenforschern vor allem evangelische Kirchenbücher, katholische aus dem 19. Jahrhundert gebe es keine, Sterbefälle von Katholiken seien aus Neuenburg übermittelt. "Erschwerend kommt hinzu kommt", so Ziegler, "dass es früher keine einheitliche Schreibweise gab." Pfarrer hätten Namen oft nach Gehör notiert und es sei nicht leicht herauszufinden gewesen, ob Einträge zu Willin und Wolin vielleicht dieselbe Person betreffen. Spaß hatten dennoch beide am Eintauchen in die Müllheimer Geschichte. Beide sind sich einig: Einmal damit angefangen, macht Ahnenforschung süchtig.