Alle wollen mehr weniger

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mo, 20. Mai 2019

Theater

Martin Zingsheim zu Gast im Freiburger Vorderhaus.

Sympathisch und harmlos wirkt der junge Mann, der da im vollbesetzten Freiburger Vorderhaus sein Publikum mit lustigen Sprachspielen warm plaudert. Der Eindruck trügt: Der 1984 in Köln geborene und vielfach ausgezeichnete Kabarettist und Musiker Martin Zingsheim hat es faustdick hinter den Ohren! Sein siebtes Solo-Programm "Aber bitte mit ohne" ist alles andere als ein Schlager-Abend, auch wenn er sich am Ende wie Udo Jürgens im weißen Bademantel verabschiedet. Dazwischen liegen zwei Stunden scharf geschliffene Gesellschaftskritik – "linksversifftes Gutmenschengedöns eines Sozialromantikers" mit dringlicher Botschaft: Ohne Verzicht lässt sich dieser Planet nicht mehr retten.

"Plötzlich wollen alle mehr weniger – und davon viel", so Zingsheims These: Weniger Fett, weniger Arbeit, weniger Müll. Das bringt absurde Blüten mit komplexer Wahnsinns-Symptomatik hervor, denn wer braucht schon glutenfreie Sprühsahne und 827 verschiedene Joghurts, wenn eh alle Laktose-Intoleranz haben? Zingsheim selbst ist jedenfalls vor so viel über-zivilisiertem Lifestyle-Konsum gefeit: Vier Kinder führen automatisch zur Reduktion aufs Wesentliche – auch finanziell. Wegen akuten Zeitmangels samt drohenden Informationsinfarkts kann er locker auf vieles verzichten: auf Lupinen-Seitan-Schnitzel zum Beispiel oder Kundenrezensionen im Internet, aber auch auf Karneval, Fußball, Religion, Parteien und Gewerkschaften. Warum, das demonstriert er wortakrobatisch entlang bissiger Beispiele, immer wieder flankiert von Zitaten aus dadaistisch-weisem Kindermund.

Es ist ein sehr politisches Programm fast ohne Moralkeule, das dank schlauer Selbstironie und komödiantischem Talent quasi durch die Hintertür kommt: Zingsheim mäandert im Zickzackkurs durch den eigenen Alltagsdschungel mit all seinen Fallstricken aus Doppelmoral und Widersprüchen. Dabei gibt es nicht nur am laufenden Band witzige Kalauer, pointierte Gesangsschnipsel und rasante Sprachkaskaden, sondern auch viel philosophischen Tiefgang. Beste Satire mit hohem Unterhaltungswert! Und weil die Textilindustrie zu den größten Umweltsündern gehört, zieht er sich dann auf offener Bühne bis auf die schwarze Unterhose aus – die allerdings braucht er noch wegen ihrer Hormongifte, schließlich hat er Nachwuchs genug…