Allein sein

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 30. April 2021

Literatur & Vorträge

Judith Hermanns neuer Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – Livestream in Freiburg /.

Die Ich-Erzählerin in Judith Hermanns zweitem Roman ist schätzungsweise um die 50. Alt genug, um eine Vergangenheit zu haben, jung genug, um sich noch Neuem zu öffnen. Damit wäre sie im selben Alter wie die Autorin, die vor 23 Jahren mit ihrem Debüt "Sommerhaus, später" die Literaturszene aufgemischt hat. Judith Hermann ist es gelungen, sich vom frühen Erfolg nicht erdrücken zu lassen. Sie ist nach wie vor eine Stimme, mit der man rechnen darf und rechnen muss: "Daheim" ist für den in diesem Jahr erst Ende Mai verliehenen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Wie in ihren vorigen Büchern – überwiegend sind es Erzählbände – erweist sich Judith Hermann auch hier als Meisterin präziser Andeutungen. Ihr aussparender Stil schafft Raum für weite Horizonte, die auch materiell präsent sind. Der Roman spielt am Meer, an der "östlichen Küste", an einem Ort, der eher landwirtschaftlich als touristisch geprägt zu sein scheint. Von Trailern ist die Rede, von einem Hafenbecken mit schlierigem Wasser, einem Bauernhof mit 970 Schweinen. Urlaub möchte man hier kaum machen – und es treffen auch keine Reisenden, sondern Gestrandete zusammen, Wurzellose, die ihren Partner verlassen haben oder von ihm verlassen wurden, die sich in hoffnungsloser Liebe verzehren oder die Liebe nie erfahren haben.

Um die Ich-Erzählerin herum, die vor einem Jahr aus der Stadt ans Meer gezogen ist, weil sie die Nähe zu ihrem Bruder sucht, der nach einem unsteten Leben hier "hängengeblieben" ist, und in der von ihm gepachteten Kneipe arbeitet, gruppiert der Roman eine Handvoll Figuren, zeichnet sie mit wenigen entschiedenen Strichen in die im winterleere verlassene Landschaft hinein. Die Ich-Erzählerin hat eine offenbar zunächst sehr innige, leidenschaftliche Ehe hinter sich. Beider erwachsene Tochter Ann ist inzwischen unterwegs, auf Reisen, im Norden Europas, sie meldet sich kaum. Warum die Ich-Erzählerin Otis, dem sie am Anfang des Buches noch immer schreibt, verlassen hat, wird nicht ganz deutlich. Otis, der Stadtmensch, ist ein Sammler, der sein Leben mit gefundenen Gegenständen anfüllt, es war, so scheint es, für die Ich-Erzählerin darin kein Platz mehr, nachdem Ann die Familie verlassen hatte.

Ihre Mutter wohnt jetzt, zum ersten Mal in ihrem Leben, "alleine (…) in einem Haus". Dieser Satz ist der einzige, der allein für sich steht in diesem Buch. Das hebt seine Bedeutung hervor. Allein sein: Das gilt nicht nur für die Ich-Erzählerin. Das gilt für alle, mit denen sie zu tun hat. Da ist Mimi, die Künstlerin, die nach drei gescheiterten Ehen zurückgekommen ist in das Dorf ihrer Herkunft, eine robuste, heitere, kraftvolle, naturverbundene Frau mit einem "Haarnest" (das sagt schon alles). Da ist Arild, ihr Bruder, der Schweinezüchter, ein wortkarger, muskulöser Mann, der nach dem Weggang seiner Frau sein Haus leergeräumt, "Tabula rasa" gemacht hat. Da ist Sascha, der für die Ich-Erzählerin konsequent nur "Mein Bruder" ist, er hat das Haus, in dem er jetzt wohnt, vollständig möbliert übernommen, ein Museum, meint die Ich-Erzählerin, mit staubigen alten Möbeln. Und da ist Nike, das Heimkind, 20 und "mit allen Wassern gewaschen", in die sich der Bruder bis zur Selbstaufgabe verliebt hat, während sie regelmäßig "zu den Trailern" geht, man ahnt, was sie da tut. Nur er ahnt es nicht.

Diese fünf Figuren verbringen einen Frühling und einen Sommer bis zum Herbst miteinander, einiges geschieht, Schönes und Schreckliches, alles wird hineingewoben in Judith Hermanns einzigartigen Ton, der Anwesendes und Abwesendes gleich gültig aufscheinen lässt, fast wie etwas Naturgegebenes klingt, es ist, wie es ist, etwas geschieht oder geschieht nicht, man kann nichts machen. "Ich hätte sie nicht nicht reinlassen können. Ich hatte keine Chance" schreibt die Ich-Erzählerin an Otis nach ihrer ersten Begegnung mit Mimi.

Das hat aber nichts mit Fatalismus zu tun. Sondern hat fast etwas Tröstliches. Melancholisch Tröstliches. Denn traurig ist vieles in diesem Buch. Traurig ist die Erinnerung der Ich-Erzählerin an ihr und ihres Bruders manchmal stundenlanges Warten auf ihre Mutter. Im Treppenhaus vor der Wohnung. Mehr als traurig ist die Geschichte von Nike, die von ihrer Mutter bei "Ungehorsam" mitunter tagelang in eine Kiste gesperrt wurde. Wie sollte sich ein Mensch nach einer solchen Erfahrung jemals auf der Welt verwurzeln? Eine Kiste spielt auch in der Vergangenheit der Ich-Erzählerin eine Rolle. Eine Zauberkiste. Als sie jung war und in einer – von der ehemaligen Raucherin Judith Hermann imaginierten – Zigarettenfabrik arbeitete, sprach sie an einem Abend ein Mann in einer Tankstelle an. Ob sie die zersägte Jungfrau sein wollte. Und mit ihm und seiner Frau und dem Zaubertrick nach Singapur reisen. Ihr Leben wäre dann anders verlaufen. Und noch eine Kiste kommt ins Spiel. Eine Marderfalle. In die andere Tiere geraten. Und am Ende? "Dann beuge ich mich vor, atme ein und mache die Falle auf."

Danach kommt nichts mehr. "Daheim": Man kann sich fragen, was das heißt und wer das von sich sagen kann. Die Menschen im Dorf sind vielleicht mehr daheim als die Städter, die es dorthin verschlagen hat. Aber sicher ist auch das nicht. "Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden." So hat es Trakl gesehen.

Judith Hermann: Daheim. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 189 Seiten, 21,60 Euro. Lesung: Die Autorin ist am 7. Mai zu Gast im Literaturhaus Freiburg. Die Veranstaltung wird live gestreamt.