Steinzeitjäger in Südbaden

Als Wölfe ihr Fresschen von den Menschen bekamen

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Fr, 16. April 2021 um 22:06 Uhr

Deutschland

Tübinger Forscher haben im Hegau Belege für die Anfänge einer Domestizierung des Wolfes gefunden. Anhand von weit über 10.000 Jahre alten Knochen fanden sie heraus, dass Menschen die Wölfe fütterten.

Im heutigen Südbaden hat vor 16.000 bis 14.000 Jahren ein früher Übergang von Wölfen zu gezähmten Hunden stattgefunden. Das haben Forscher des Senckenberg-Zentrums an der Uni Tübingen herausgefunden. Chris Baumann, Erstautor der Studie, hat eine klare Position zur Wiederansiedlung des Raubtieres in der Region. Für ihn gehört der Wolf ins Land – aber einzelne Tiere gehören auch geschossen, wenn sie durch große Annäherung an den Menschen negative Verhaltensänderungen zeigen.

Höhlen in Südbaden als Fundgrube für die Forschung

Knapp 100 Kilometer östlich von Freiburg, bei Engen im Hegau, liegen die Gnirshöhle und die Höhle im Petersfels – Plätze, an denen bereits reges steinzeitliches Leben nachgewiesen wurde. Darstellungen des weiblichen Körpers aus Pechkohle – die Venusfigurinen vom Petersfels – fanden sich hier, ebenso Werkzeuge, aber auch Tierknochen. Mit denen beschäftigten sich die Wissenschaftler vom Tübinger Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment – und stießen in den Knochen auf Stickstoffwerte, die für sie die Anfänge von früher Domestizierung von Wölfen durch den Menschen belegen.

Eine Domestizierung oder Domestikation bezeichnet im Gegensatz zur bloßen Zähmung eines Einzeltieres einen langfristigen innerartlichen Veränderungsprozess von Wildtieren. Baumann betont, dass die erste Domestizierung des Wolfes zwar schon weit vorher, vielleicht 30.000 vor Christus, vermutet wird. Es lasse sich auch keine direkte Linie von diesen in ihrer Genetik leicht veränderten Tieren zum heutigen Hund ziehen, weil er davon ausgeht, dass sie sich wieder zu Wölfen zurückentwickelt habe.

Die Isotope der Knochen lassen auf die Nahrung schließen

Aber: Die untersuchten Unterkiefer und Unterschenkelknochen aus dem Zeitalter des Magdalénien – einer archäologischen Kulturstufe im jüngeren Abschnitt des Jungpaläolithikums am Ende der letzten Eiszeit – stammen nicht von wildlebenden Tieren. Das lässt sich mit dem in ihren Knochen eingelagerten Stickstoff-Isotop N15 herausfinden. Die Knochen der Gnirshöhle legen Zeugnis von einer Nahrungsumstellung ab, sie lassen auf Rentier und Hasen als Wolfsnahrung schließen. Also auf das, was die Menschen damals auch jagten und aßen.

Irgendwann könnten Eiszeitjäger eine Wölfin getötet und sich ihren winselnden Welpen angenommen haben, stellt der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf in seinem Buch ("Der Hund und sein Mensch") über die Domestizierung des Wolfes eine gängige Spekulation in den Raum. War der Wolf ein Gehilfe und ein Profiteur der menschlichen Jagd? "Ob er Jagdgehilfe war, wissen wir nicht", sagt Baumann. "Diese Wölfe bekamen ihre Nahrung aber vorgesetzt." Sie waren auch nicht Mitglieder eines Rudels, darauf lassen die verschiedenen Linien der von Baumanns Kollegin Saskia Pfrengle untersuchten mitochondrialen DNA der Knochen schließen. Das Jagen älterer Tiere und das Aufziehen von Jungtieren kann sich Baumann vorstellen. "Die Steinzeitjäger dürften geschaut haben, welche Wolfswelpen ein schönes Winterfell entwickeln, welche besonders zahm waren. Danach haben sie aussortiert."

Ein Experiment in Nowosibirsk

Eine Veränderung der Verhaltensweisen lasse sich erstaunlich schnell mittels Selektion und Züchtung erzielen. Baumann erzählt von einem Experiment in Nowosibirsk, das sich über 60 Jahre erstreckt hat. Dort ist es gelungen, aus Silberfuchswelpen anhängliche Tiere zu züchten. Dabei wies das Team um den sowjetischen Biologen Dmitri Beljajew nach, dass Domestizierung, die sich auch in äußeren Merkmalen wie Hängeohren oder Ringelschwänzen bemerkbar macht, weit weniger Zeit in Anspruch nimmt als vermutet. Nach wenigen Generationen ließen sich diese Silberfüchse kraulen, wedelten mit dem Schwanz, blickten Menschen in die Augen.

Viel länger hat die Domestizierung des Wolfes auch gedauert, weil es keine Aussperrung der Wölfe gab, die nicht einem menschenvertrauten Verhalten zuneigten, vermutet Josef H. Reichholf. Auch dürfte es immer wieder zu Kreuzungen mit den wildlebenden Wölfen gekommen sein. Der ehemaliger Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München spricht dem Wolf in der sich über viele tausend Jahre erstreckenden endgültigen Domestikation eines Teils seiner Art eine aktive Rolle zu, Reichholf spricht auch von einer Selbstdomestikation. Nachdem der Wolf bereits über längere Zeit im Umfeld des Menschen als Abfallverwerter der Kadaver der vom Menschen erlegten Großtiere lebte, könnte er den Steinzeitjägern näher und näher gekommen sein. Die Folge: Einzelne Wolfsrudel begannen, einzelne Menschengruppen als ihre Territorien zu betrachten, die sie gegen andere Wölfe und andere Gefahren verteidigten, so Reichholf. Ein Arrangement zum beiderseitigen Vorteil sei also entstanden, das mit einem Einander-Näherkommen einherging.Und diese Wölfe hätten in den eiszeitlichen Jägern eine ökologische Nische gefunden, deren Besetzung zur Verhaltensänderung und zur Abspaltung von ihren ursprünglichen Artgenossen führte.

Experten gehen von mehr als 1000 Wölfen in Deutschland aus

Heute schätzen Experten das Wolfsvorkommen in Deutschland auf deutlich mehr als 1000 Tiere ein. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat nach Mitteilung des Naturschutzbundes (Nabu) als Ergebnis des Wolfsmonitorings für das Jahr 2019/2020 128 Wolfsrudel, 35 Paare und zehn territoriale Einzeltiere bestätigt. Das entspreche einem Anstieg der Territorienzahl um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr, der Zuwachs sei allerdings deutlich geringer ausgefallen, als in den Jahren zuvor, in denen teilweise Wachstumsraten von 30 Prozent festgestellt wurden. Der Deutsche Jagdverband (DJV) ist der Auffassung, dass das BfN die Bestände klein rechne. Nach den Hochrechnungen des DJV sollten schon im Frühjahr 2020 rund 1.800 Wölfe in Deutschland gelebt haben.

Wild lebende Wolfshybride, also Kreuzungen aus Wolf und Hund, sollen in diesen Zahlen laut der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung eine kleine Rolle spielen. Sie ermittelte 2018 innerhalb der Wolfspopulation eine Hybridisierungsrate von weniger als einem Prozent.

"Der Wolf gehört nach Deutschland, er ist ein Wildtier, für das der Lebensraum da ist." Chris Baumann,
Uni Tübingen
Welche Schlüsse zieht Baumann für den Umgang mit heutigen Wölfen? "Der Wolf gehört nach Deutschland, er ist ein Wildtier, für das der Lebensraum da ist." Aber stellt nicht gerade die Anpassungsfähigkeit von Wölfen in Nähe zum Menschen eine Gefahr dar?

Jüngst sorgte etwa der kanadische Biologieprofessor Valerius Geist mit seinen umstrittenen "sieben Stufen der Eskalation" – die von völliger Scheu über das Beobachten und Austesten bis hin zum Angriff auf Menschen reichen – für Diskussionen. Nach Geists Theorie hätten die Wölfe im Osten Phase fünf bereits erreicht, attackieren Nutztiere, zeigen sich mitten am Tag und kommen in die Dörfer.

Chris Baumann, der sich auch mit Säugetiermonitoring beschäftigt und dies in Tübingen unterrichtet, ist überzeugt, dass das nun schon 20 Jahre andauernde Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf etwa in der Lausitz weit besser funktioniere, als dies Boulevardmedien bisweilen darstellen. Aber ja, durch vermeintliche Tierfreunde oder wilden Müll angefütterte Wölfe stellen eine Gefahr dar. "Sobald sie die Scheu vor dem Menschen verlieren, sollte man Wölfe schießen dürfen", sagt Baumann. "Sie stellen dann auch eine Gefahr für die Wolfspopulation dar, weil sie deren Akzeptanz durch den Menschen zerstören."