Porträt

Andreas Bovenschulte soll Bremens Bürgermeister werden

Eckhard Stengel

Von Eckhard Stengel

Mi, 14. August 2019 um 20:30 Uhr

Deutschland

Der SPD-Politiker Andreas Bovenschulte war mal Dorfbürgermeister, nun soll er Regierungschef des Bundeslandes Bremen werden. Der 54-jährige promovierte Jurist gilt als Parteilinker – und als ehrgeizig.

"Exzess im Nachtexpress", so nannte sich Anfang der 1990er-Jahre eine Pop-Band, bei der auch ein gewisser Andreas Bovenschulte mitspielte. Rockstar wollte der junge Hobby-Gitarrist werden. Daraus wurde zwar nichts, aber jetzt wird Bovenschulte zumindest eine Art Bandleader: Der mittlerweile 54-Jährige lässt sich an diesem Donnerstag von der Bremischen Bürgerschaft zum Bürgermeister wählen. Somit kann er künftig den Takt im Bremer Senat angeben. In den nächsten vier Jahren muss er die erste rot-grün-rote Koalition in einem westdeutschen Bundesland zusammenhalten – nicht das einfachste Dirigat.

Jahrelang hat der promovierte Jurist und Vater zweier Töchter auf dieses Amt spekuliert. Doch weil sich ihm an seinem Wohnort Bremen keine realistische Chance für eine Kandidatur bot, ließ er sich 2014 in der dörflich geprägten, 30 000 Einwohner zählenden Nachbargemeinde Weyhe zum Bürgermeister wählen. In Bremen kam seine Stunde erst, als die SPD bei der jüngsten Bürgerschaftswahl heftige Verluste erlitt und Regierungschef Carsten Sieling abtrat. Der Weg war frei.

Der Zwei-Meter-Mann ist mit dem eher schmächtigen Sieling befreundet, lebte als Student mit ihm in einer WG und steht genauso links. Doch der rote Riese hat mehr Ausstrahlungskraft, wirkt zupackender, redegewandter und bürgernaher als sein Vorgänger. Für kein Volksfest ist er sich zu schade, und manchmal greift er dabei auch heute noch zur Gitarre. Die SPD-Landesvorsitzende Sascha Aulepp nennt den Neuzugang einen "erfahrenen Politiker, der brennt für die Herzblut-Themen der SPD".

In Weyhe war der linke Sozi sogar bei der CDU beliebt. Das muss man erst mal schaffen. "In knapp fünf Jahren hat "Bovi die Herzen der Weyher erobert", schrieb die Lokalpresse zum Abschied.

Bovenschulte stammt aus einem sozialdemokratischen Elternhaus aus Elze bei Hannover. 1984, im Jahr seines Abiturs, wurde er selber Genosse. Lange wirkte er eher im Verborgenen, mal als Schriftführer im SPD-Ortsverein, mal als Mitglied der Antragskommission für Bundesparteitage – und beruflich als Jurist im Öffentlichen Dienst Bremens. Die Allgemeinheit nahm von ihm erst Notiz, als er 2010 zum Bremer SPD-Parteichef gewählt wurde. Aus jener Zeit sind Zitate von ihm überliefert, in denen er eine "eiskalte Marktgesellschaft" kritisierte und einen "magersüchtigen Staat" verhindern wollte. Folgerichtig brachte er eine "Privatisierungsbremse" auf den Weg: Seit 2013 dürfen öffentliche Unternehmen in Bremen nur noch unter strengen Voraussetzungen verkauft werden. "Bovi" war auch immer schon ein Kritiker von Hartz IV und forderte die Rücknahme der Rente mit 67. Über die Schuldenbremse ist er auch nicht glücklich, aber einhalten will er sie – Gesetz ist Gesetz.

2013 gab er den Parteivorsitz ab, um sich auf seine Bürgermeisterkandidatur in Weyhe zu konzentrieren, wo er bereits seit 2007 als Erster Gemeinderat arbeitete. Gegen Ende der Weyher Landpartie, noch vor Sielings Abgang, zog es den ehrgeizigen und machtbewussten Strategen wieder in den Stadtstaat zurück: Er bewarb sich erstmals um ein Bürgerschaftsmandat. Als er Ende Mai tatsächlich ins Parlament gewählt wurde, kandidierte er sofort erfolgreich für den Fraktionsvorsitz und verdrängte damit den langjährigen Amtsinhaber Björn Tschöpe. Als nächstes nun also der Aufstieg zum Regierungschef. Eine steile Karriere: innerhalb eines knappen Vierteljahres vom Gemeindebürgermeister zum Landtagsabgeordneten und Fraktionschef bis hinauf zum Ministerpräsidenten eines Bundeslandes.

Für seine Ehefrau Ulrike Hiller, mit der er ein Häuschen im linksalternativen Ostertor-Viertel bewohnt, bedeutet sein Aufstieg ihren Ausstieg: Sie war bislang Bremens Bevollmächtigte beim Bund und gehörte damit zur Landesregierung. Wenn ihr Mann nun aber ins historische Rathaus einzieht, muss sie ihr Amt aufgeben – damit es nicht heißt, Bremens Politik würde von einem Küchen-Kabinett bestimmt. Den passenden Namen für das Amt hat er auf jeden Fall: "Schulte" ist ein altes Wort für "Dorfoberhaupt" oder "Bürgermeister". Das "Boven" kann laut dem Bremer Institut für niederdeutsche Sprache "oben" heißen, aber genauso gut auch "Buben" – im Sinne von "üblen Gestalten". Dann wäre Bovenschulte also der Bürgermeister böser Buben.