"Anspruchsvollen Beruf mit sinnvollen Werten vermitteln"

Ruth Seitz-Wendel

Von Ruth Seitz-Wendel

Mo, 25. Oktober 2021

Endingen

BZ-INTERVIEW mit Inge Jenne von der Bäckerei Jenne, die seit der ersten Jobstartbörse in Endingen dabei ist, über Tradition und die Wertschätzung von Lebensmitteln.

. 59 Unternehmen präsentieren sich und mehr als 100 Berufsbilder bei der Jobstartbörse am Donnerstag und Freitag in Endingen – vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum mittelständischen Industrieunternehmen. Über die Motivation zur Teilnahme sprach Ruth Seitz mit Inge Jenne von der Kiechlinsberger Bioland-Bäckerei Jenne.

BZ: Sie sind mit Ihrem Betrieb von Anfang an bei der Jobstartbörse dabei. Was hat Sie damals bewogen, mitzumachen?

Inge Jenne: Ich hatte viel Schwung und wollte meine Energie an die Jugend weitergeben. Ich hatte damals schon als "Neuling" den Eindruck, dass die Jugendarbeit in dieser Branche einzuschlafen drohte. Ich wollte den Bäcker-Beruf und den der Fachverkäuferin im Nahrungsmittelhandwerk als anspruchsvollen Beruf mit sinnvollen Werten vermitteln.

BZ: Wie erleben Sie das Interesse der Jugendlichen an der Veranstaltung?

Inge Jenne: Man darf nie alle Jugendlichen über einen Kamm scheren, das gilt auch für die Herkunft eines Menschen. Die Jugendlichen sind bunt, verschieden und alle sind Individuen – gleich von welcher Schule sie kommen oder welchen Bildungsstand sie haben. Vertreten sind alle – die Schüchternen, die Stillen, die Lauten, die Extrovertierten... entsprechend ist das Interesse nicht bei allen Schülern gleich. Aber ich glaube, dass die Jugendlichen viele Eindrücke mit nach Hause nehmen. Bei uns am Stand waren es noch nie viele Interessenten, wir haben aber mit wirklich interessierten Jugendlichen viele gute Gespräche führen können. Oft kamen die dann ein Jahr später wieder am Stand bei uns vorbei.

BZ: Wie erleben Sie die Schülerinnen und Schüler heute – im Gegensatz zu den Anfängen?

Inge Jenne: Sicher hat sich das Interesse im Lauf der Jahre verändert. Auch wir als Betrieb mussten uns aus dem Schubladen-Denken herausholen.Wir haben anfangs als Voraussetzung auch den Hauptschulabschluss mit den Notendurchschnitt gesehen. Irgendwann hatte ich dann genügend Erfahrung und habe mich vom Zeugnis weitgehend verabschiedet. Verhalten, Mitarbeit, freiwilliges Engagement – das zählt nach wie vor und ist wichtig für mich. Voraussetzung ist jedoch immer, dass die Schüler von dem was sie tun überzeugt sind und nicht gedrängt werden. Das galt damals und ist heute noch so.

BZ: Haben Sie selbst Auszubildende für Ihren Betrieb über die Jobstartbörse gefunden?

Inge Jenne: Unsere Azubis haben wir auf jeden Fall über die Bekanntheit der Jobstartbörse und die Schülerseminare rekrutiert. Für uns hat sich die Jobstartbörse in den letzten Jahren weiterentwickelt. Viele interessierte Quereinsteiger, zum Beispiel Migranten, haben den Weg zu uns gefunden. Sie wollen Teil der deutschen Kultur sein, fanden das zu verarbeitende Produkt schön handlich, weich und lecker. Die handwerkliche Sorgfalt macht sich in der Bio-Bäckerei direkt bemerkbar. Mittlerweile gibt es Projekte mit unseren Kunden, die ihre Azubis zu uns in die Produktion schicken. Innerhalb der Wertegemeinschaft von Bioland gibt es für Bäcker einen regen Fachaustausch in ganz Deutschland und Südtirol. Das ist für uns gelebte Bäckergemeinschaft, die eine coole, kreative junge Generation heranwachsen lässt.

BZ: Das Bäckerhandwerk leidet unter Nachwuchsmangel. Warum ist der Beruf so wenig attraktiv für Jugendliche?

Inge Jenne: Nachtarbeit, Samstagsarbeit – diese Argumente sind schnell parat, um sich gegen den Beruf des Bäckers zu entscheiden. Ich glaube aber, dass es andere Gründe sind: Ich sehe, dass alle Berufe rund um Lebens- und Nahrungsmittel in der Gesellschaft massiv an Wertschätzung verloren haben. Der Berufsstand des Bäckers ist so vielseitig, abwechslungsreich und anspruchsvoll – viele können sich das gar nicht vorstellen. Sobald man von den industriellen Zusatzstoffen weg kommt und sich auf die Natur konzentriert, spielen die Faktoren Zeit, Temperatur und Mensch die wichtigsten Rollen. Klar, die Jugendlichen müssen uns viel Vertrauen im Voraus schenken, damit sie diese kreative, abwechslungsreiche Arbeit auch erkennen. Die Wertschätzung von Lebensmitteln muss in den Schulen vermittelt werden, nicht in einzelnen Projekten, sondern in den Pflichtfächern. Studien zeigen ganz klar, dass gebildete Menschen sich intensiv mit ihrer Ernährung befassen und gesundes Essen genießen. Qualitativ hochwertiges Brot gehört dazu. Das ist nicht mehr für alle Gesellschaftsschichten erlebbar. Wer eine handwerklich gute Bäckerei sucht, muss heute schon genau hinschauen. Wir leben diese Backkultur aus Überzeugung und Freude zum Beruf. Wir arbeiten traditionell und entwickeln unsere Bäckerei weiter: durch computergesteuerte Maschinen in der Kältetechnik, mit Backprogrammen für die Teigbereitung auch das Thema Marketing und die Verwaltung gehören dazu. Das Bäckerhandwerk ist einfach bunt und vielseitig.

Inge Jenne ist 54 Jahre alt und Prokuristin in der Bäckerei Jenne GmbH. Der Familienbetrieb besteht seit 1884.