Uhren, Gold und Diamanten

Auch die Schmuckbranche setzt immer mehr auf Nachhaltigkeit

dpa

Von dpa

So, 20. November 2022 um 18:34 Uhr

Wirtschaft

Das Trendthema ist auch in der Welt des Schmucks angekommen. Doch es braucht mehr einheitliche Standards, die auch kontrolliert werden, fordern Branchenvertreter.

Fair gehandelten Kaffee gibt es seit Jahren, den Grünen Knopf in der Textilbranche seit 2019 – und auch beim Kauf einer schicken Uhr oder teurer Klunker machen sich immer mehr Menschen Gedanken über Nachhaltigkeit, sagt Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des deutschen Industrieverbandes der Schmuck- und Uhrenbranche BVSU. "Der Handel hat erkannt, dass das Thema die Menschen umtreibt." Deshalb stand Nachhaltigkeit auch im Fokus beim diesjährigen Juwelierkongress im Oktober in Pforzheim.

Die Frage ist, wie das Engagement beim Kunden ankommt

Dabei hat die Industrie laut Grohmann keinen Nachholbedarf. Aber man müsse dieses Engagement den Kundinnen und Kunden besser nahebringen. Das gehe zum Beispiel schon beim Tablett los, auf dem die Schmuckstücke präsentiert werden: lieber Holz statt Plastik.

Auch Joachim Dünkelmann vom Handelsverband Juweliere (BJV) erklärt: "Die Schmuck- und Uhrenbranche ist in Sachen Nachhaltigkeit schon viel weiter, als es auf den ersten Blick scheint." Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur und natürlichen Ressourcen entscheide immer stärker über die Akzeptanz der Kunden. "Deshalb müssen wir das Thema offensiver nach draußen tragen."

Früher sollte die Verpackung groß sein, heute sind Naturpapier und Bast gefragt

Anhaltspunkte gibt es viele: Ob sorgsamer Umgang mit Chemikalien, geschlossene Wasserkreisläufe in der Produktion oder Stoffsäckchen für den Transport statt Kunststoff. "Früher sollte die Verpackung groß und bunt sein, mit Metallband", sagt Christine Köhle-Wichmann von der Deutschen Schmuck und Uhren GmbH. Heute seien Naturpapier und Bast gefragt. Manche Händler arbeiteten dafür mit Firmen aus der Region zusammen – ein Pluspunkt mehr.

Manches Produkt werde allerdings teurer, wenn die Nachhaltigkeit berücksichtigt wird, räumt Grohmann ein. Immerhin: Fast 100 Prozent des hierzulande produzierten Goldes ist recycelt, so die Fachvereinigung Edelmetalle. Beim Gold gibt es recht strenge Gesetze, die sich die Industrie gleichermaßen etwa bei im Labor – unter hohem Energieverbrauch – hergestellten Diamanten wünscht.

Es braucht Standards, die auch kontrolliert werden

Daher begrüßen die hiesigen Spitzenverbände der Uhren-, Schmuck- und Edelsteinbranche ein von der EU-Kommission angeregtes Verbot allgemeiner umweltbezogener Werbeaussagen, wenn die "Umweltleistung" eines Produkts nicht nachgewiesen werden kann. In solchen Fällen werde in Deutschland bisher auf das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verwiesen, sagt Grohmann. Je allgemeiner ein Gesetz formuliert sei, desto besser könne man sich aber herauswinden.

Bei Gold gebe es Zertifikate zu Produktionsstandards, die auch überprüft würden, bestätigt Philip Heldt, Umweltexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Bei Edelsteinen etwa sei das schwieriger, hier gebe es nichts Vergleichbares. "Manche Händler versuchten zwar auf Internetseiten, so gut wie möglich über die Herkunft aufzuklären. Aber das ist eben kein Massenmarkt wie die Fairtrade-Banane oder der Fairtrade-Kaffee, die es in jedem Supermarkt gibt." Im Grunde müsste sich jeder Goldschmied für sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Das Lieferkettengesetz bezieht sich nur auf große Unternehmen

Heldt sieht die Politik in der Pflicht. Das Lieferkettengesetz beziehe sich nur auf sehr große Unternehmen. "Die Schmuckindustrie ist da erstmal fein raus. Sie kann freiwillig mehr tun, muss es aber nicht." Organisationen wie der Verein PowerShift, der sich für eine ökologisch-solidarische Energie- und Weltwirtschaft einsetzt, oder IPIS Research aus Belgien, die sich etwa mit verantwortungsvoller Beschaffung und Handel von Diamanten und anderen Mineralien auseinandersetzen, weisen immer wieder auf die begrenzten Möglichkeiten der Herkunftskontrolle bei den Rohstoffen hin.

"Muss es überhaupt der Saphir sein, muss es Gold sein?", fragt Heldt von der Verbraucherzentrale. Aus anderen Materialien wie Edelstahl oder Holz lasse sich auch Schmuck machen. Oder man lasse Altgold einschmelzen. Da sei die Herkunft vielleicht auch nicht immer klar. "Aber unter dem Nachhaltigkeitsaspekt ist besser, nicht getragenen Schmuck zu nehmen als neues Gold." Gerade der Abbau von Gold sei eine der umweltschädlichsten Rohstoffgewinnungen, mahnt der Fachmann. Aus einer Tonne Erzabbau lasse sich gerade einmal ein Gramm Gold gewinnen. Bei Silber seien es immerhin mehrere Kilogramm.

Für die Hersteller – oft kleine Betriebe mit wenigen Mitarbeitenden – bedeutet die Dokumentation der Einhaltung von großen Standards viel Fleißarbeit, sagt Köhle-Wichmann. "Früher haben die über Nachhaltigkeit gesprochen, die da wirklich dran waren. Heute springen viele auf den Zug auf, aber nicht jeder erfüllt die Voraussetzungen."