Auf dem Weg, noch erfolgreicher zu werden

Carmelo Policicchio

Von Carmelo Policicchio

So, 21. Juli 2019

Rock & Pop

Der Sonntag Deutscher Indiepop mit dem Talent zur Selbstironie: Die Höchste Eisenbahn gibt in Lörrach ein halbes Heimspiel.

Pathetisch ausgedrückt könnte man sagen: Die Lokalmatadoren kommen nach Hause. Denn Moritz Krämer und Francesco Wilking sind beide in der Nähe von Lörrach geboren und aufgewachsen, um dann in Berlin eine der momentan angesagtesten deutschen Indiebands zu gründen: Die Höchste Eisenbahn. Ein Gespräch.

Mitte August wird das dritte Album der Höchsten Eisenbahn veröffentlicht, davor werden die Herren Krämer und Wilking sozusagen in einem Heimspiel im Lörracher Rosenfelspark beim Stimmen-Festival auftreten. Auf "Ich glaub dir alles" werden zwölf Geschichten in einen musikalischen Mantel gepackt, der energetisch, frisch und voller Melodien ist. Und voller Referenzen an andere Bands.

Kennt man ja schon bei Francesco Wilking und seiner ersten Band Tele, die immer einen Hang zu beispielsweise den Beatles oder anderen "Melodymakers" hatten. Hier kommt gleich im Opener die New Yorker Indieband Vampire Weekend als Inspirator zum Zuge. "Aufregend und neu" hüpft genauso wie es der Titel verspricht aus der Platte, und Moritz Krämer sieht im Gespräch mit dem Sonntag hier vor allem in den Riffs und den Melodien Parallelen zu den Amerikanern: "Aber es ist doch immer so, dass es irgendwo Gemeinsamkeiten gibt. Zum einen toll, dass wir mit Vampire Weekend verglichen werden. Die wiederum werden mit Paul Simon assoziiert und der Einfluss auf dessen Album ,Graceland’ ist ganz klar die Musik aus Südafrika." Wilking ergänzt kurz und trocken: "Es gibt keine referenzlose Musik."

Schon klar, aber manche Einflüsse scheinen ab und an aus dem Nichts zu kommen. "Du meinst Sounds, die man selbst gar niemanden zuordnen kann und die trotzdem einem Genre entspringen?" Genau die. Francesco Wilking erzählt dazu von der Zusammenarbeit mit einem der bedeutendsten Produzenten der deutschen Indie-Szene: "Klar gibt es das. Wir hatten mal in Hamburg mit Tobias Levin zu tun. Der fand unsere Musik toll und rezensierte andauernd, an welche Bands ihn der Sound erinnerte. Die Sache war: Wir kannten kaum eine von denen, die uns beeinflusst haben sollen." Alles mit allem irgendwie verwandt also? Wahrscheinlich.

Und wäre es in Ordnung, über die Musik der Höchsten Eisenbahn in großen Lettern das Wort "Pop" zu schreiben? "Na ja, Pop in dem Sinne, dass Melodie und Text passen, das würde ich sofort unterschreiben", meint Wilking.

Momentan läuft das mit dem Pop ganz gut, denn die Band hat sich in der deutschen Indieszene einen richtigen Namen erspielt. Und ist dabei, noch erfolgreicher zu werden. "Das ist doch eine gute Überschrift: Auf dem Weg, noch erfolgreicher zu werden", meint Moritz Krämer.

Humor haben sie, Selbstbewusstsein wohl auch, und allzu zu bescheiden müssen sie auch nicht sein. Und sind sie auch nur bedingt: "Wir sind total happy damit, wie sich die Band momentan entwickelt."

Und sonst? Irgendwelche Ansprüche an das Publikum? "Na ja zumindest nicht in dem Sinn, dass das Publikum alles im Zusammenhang sehen muss. Ob sie unsere Einflüsse kennen, ist mir eigentlich egal" ist die pragmatische Antwort Krämers.

Frei von deutscher Betroffenheitslyrik

Francesco Wilking ergänzt: "Ich habe noch nie erlebt, dass mir ein Publikum nicht passt. Ob das jetzt Indie-Hipster sind, oder, ich sag mal, vollkommen unbedarfte Hörer. Solange sie unsere Musik mögen, ist alles gut." Moritz Krämer: "Ich finde es fast besser, nicht nur vor eingefleischten Fans zu spielen. Die womöglich den ein oder anderen Song vermissen und eine bestimmte Art von Unzufriedenheit an den Tag legen, weil ihnen etwas fehlt."

Wohlwollend empfindet man als Hörer bei der Höchsten Eisenbahn den Umstand, kaum auf die berühmt-berüchtigte deutsche Betroffenheitslyrik zu treffen. Oder sollte man die überhört haben? "Den Begriff habe ich schon oft gehört, weiß aber bis heute nicht, was er bedeuten soll", meint Wilking. Ist natürlich ein bisschen provokant gelogen. "Erklär’ mal." Nun gut, ein Erklärungsversuch könnte die Behauptung sein, dass bei vielen deutschen Bands immer das Ich im Vordergrund steht. Ich und du, gegen den Rest der Welt. Wir sind die einzig Wahren, keiner versteht uns/mich. Das wirkt bei der Höchsten Eisenbahn anders. Da haben die Protagonisten eher einen beobachtenden Charakter. Oder, täuscht das? "Kann gut sein. Wir nehmen die Dinge vielleicht tatsächlich nicht so ernst."

Erinnert an den großen österreicherischen Slacker, den Nino aus Wien. "Schon irgendwie. Der latscht durch die Welt, ein paar Dinge gehen schief, aber das ist nicht schlimm,das ist Teil der Erzählung. Den finden wir natürlich auch toll."

Und wie sieht es mit den privaten Geschichten aus? Stört es den-, oder diejenigen, wenn bestimmte Erfahrungen veröffentlicht werden.? Beide lachen. "Die intimen Dinge dürfen nicht auf die Platte drauf." Echt jetzt? "Alles eine Frage der Technik. Man kann ja alles über zehn Filter und zehn Ecken schreiben. Aber persönliche Dinge Eins zu Eins im Text umzusetzen, das ist eher nicht mein Ding", sagt Wilking.

Erleben Krämer und Wilking beim Songschreiben die berühmte Katharsis, eine Reinigung? " Manchmal gelingt es mir wirklich, gewisse Sachen über ein Lied los zu werden. Aber ich würde nicht sagen, dass ich mich durch die Songs reinwaschen will", ergreift Wilking das Wort.

Und jetzt geht es nach Lörrach mit neuer Platte im Gepäck, darauf auch der definitive Beatles-Song? "So, welchen meinst du?", fragt Wilking. Na ja, "Job" klingt schon nach frühen Beatles. "Das war die Hausaufgabe, die wir uns für diese Platte gaben. Ich bin aber nicht sauer, wenn jemand das nicht erkennt." Da kann man den guten Mann beruhigen. Die deutschen Beatles sind Die Höchste Eisenbahn noch nicht, aber sie könnten es werden.
Die Höchste Eisenbahn Dienstag, 23. Juli, 20 Uhr, Rosenfelspark Lörrach. Support: The Rehats. Tickets zu 32 Euro unter 0761/496 88 88 oder unter http://www.bz-ticket.de