Aufgeben gibt’s nicht für Janosch Brugger

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Di, 09. März 2021

Skilanglauf

Der Lenzkircher Langläufer kämpft sich beim WM-Abschlussrennen in Oberstdorf über 50 Kilometer trotz Krämpfen ins Ziel und zieht eine zwiespältige WM-Bilanz.

. Manchmal braucht’s eine Portion Verrücktheit im Leistungssport. Leidensfähigkeit sowieso. Janosch Brugger von der WSG Schluchsee bringt beides mit. Und so entschied sich der Langläufer aus Lenzkirch für den Start im Marathon über 50 Kilometer. Zum Abschluss der nordischen Ski-Weltmeisterschaft im eigenen Land, die für ihn enttäuschend verlaufen war.

Das gilt auch für die Männer-Staffel am Freitag. Rang sieben, das klingt nicht gut und es ist nicht gut für eine Mannschaft, die um Bronze mitkämpfen wollte. Im Ziel im Langlaufstadion Ried bei Oberstdorf war er "natürlich brutal enttäuscht", sagt der 23-Jährige. Zuerst dachte er, seine Leistung an Position zwei sei "echt ein kompletter Flop" gewesen. Doch diese Einschätzung hielt der Überprüfung nicht stand. Nachdem er sich das Video des Rennens angeschaut und die Zahlen analysiert hatte, kam Janosch Brugger zu dem Schluss, dass wohl keiner seiner Teamkameraden an diesem Tag auf seiner Teilstrecke besser gelaufen wäre als er.

"Es war das wichtigste

Rennen meiner Karriere."

Janosch Brugger über den Fünfziger
Der Schwarzwälder haderte erneut mit seinen Ski: Die gewählte Nowax-Variante erwies sich in dem nassen Schnee als langsam. In den Abfahrten kam er den Konkurrenten um ihn herum nicht nach. "Du siehst brutal aus und kriegst eine Packung", sagte er nach dem Rennen frustriert. Dabei habe er bei schwierigen Neuschnee-Verhältnissen sonst oft gutes Material unter den Füßen gehabt wie bei seinem Weltcupsieg im Verfolgungsrennen von Lillehammer im Dezember 2018. Mit seiner Laufzeit von 28:14,8 Minuten hatte Janosch Brugger seine zehn Kilometer 1,5 Sekunden schneller hinter sich gebracht als Startläufer Jonas Dobler, der ebenfalls in der klassischen Technik unterwegs war. Der Traunsteiner hatte Brugger als Fünften auf die Strecke geschickt, 45,9 Sekunden hinter dem führenden Russen, der sich früh abgesetzt hatte.

Der Schwarzwälder verringerte auf der ersten seiner drei Runden den Rückstand um 20 Sekunden, büßte aber bei der Aufholjagd der Verfolger drei Plätze ein. Diesen achten Platz hielt er in der starken Gruppe der zweiten Läufer bis zum Ende seines Einsatzes. Beim Wechsel auf Lucas Bögl (SC Gaißach) betrug der Rückstand auf die nun führenden Norweger 1:05,4 Minuten. Somit hatte Janosch Brugger im Vergleich zum Start 19,5 Sekunden eingebüßt – der geringste Rückstand der vier deutschen Läufer.

Allerdings war der Kontakt zur Spitzengruppe, in der Dobler sich behauptet hatte, abgerissen. Die Lücke von 52 Sekunden zu Rang drei konnten Bögl und der erst 20-jährige Schlussläufer Friedrich Moch (WSV Isny) nicht mehr schließen. Bis Kilometer 30 verlor Bögl 1:12,6 Minuten und WM-Debütant Moch büßte trotz starker Leistung auf Titelverteidiger Norwegen weitere 19,9 Sekunden ein. Der laut Brugger Beste des deutschen Quartetts überholte aber noch den Tschechen und brachte die Gastgeber so auf Rang sieben. Die komplette Staffelbesetzung stellte sich zwei Tage später der letzten Herausforderung dieser WM. Für Brugger und Moch war’s die Premiere über 50 Kilometer. Acht Runden à 6,25 Kilometer, das hieß achtmal den "Mörder-Burgstallhügel" hoch, so Bundestrainer Peter Schlickenrieder.

"Bis Kilometer 35 war alles top", erinnert sich Janosch Brugger. Auf diesmal schnellen Ski konnte er bergab die ein oder andere Lücke schließen. Einziges Ziel des Marathon-Neulings: "Ich wollte gut durchkommen." Deshalb hatte er seine drei DSV-Kollegen früh ziehen lassen. Er fühlte sich lange gut und schwamm im Feld mit, meist auf Positionen zwischen 33 und 38. Doch nach etwa 40 Kilometern "war die Batterie komplett leer". Krämpfe in den Beinen setzten Brugger so zu, dass er nach der vorletzten Runde kurz am Streckenrand stehenbleiben musste und erstmal seinen rechten Oberschenkel knetete. Aber aussteigen? "Aufgeben gibt’s nicht", erklärt der junge Schwarzwälder kategorisch. So setzte er sich nach knapp zwei Stunden Laufzeit wieder in Bewegung und quälte sich weiter Richtung Ziel. Dass sein Rückstand nun von Kilometer zu Kilometer sprunghaft anwuchs – geschenkt. Janosch Brugger hielt durch. Nach 2:19:54,4 Stunden kam er gezeichnet von der Strapaze als 40. der 57 WM-Starter und vierter Deutscher an, 9:01,5 Minuten hinter dem Norweger Emil Iversen. Der gewann nach der Disqualifikation seines Landsmanns Johannes Hoesflot Klaebo statt Silber WM-Gold und wie alle anderen Finisher rückte auch Brugger einen Platz nach vorne, in seinem Fall auf Rang 39. Dieser Marathon – "eventuell sogar der härteste der Welt" – ist für ihn das wohl schwerste, "aber auch das wichtigste Rennen" seiner bisherigen Karriere gewesen.

Das Lob des Bundestrainers dafür, "dass er net aufgegeben hat", wirkte wie Balsam. Nicht nur für den entkräfteten Körper, auch für die enttäuschte Seele. "Meine WM-Auftritte waren einfach nicht so, wie ich es gern gehabt hätte", sagt Brugger selbstkritisch. Bei der Tour de Ski sei seine Form besser gewesen. Dass das Timing zum Saisonhöhepunkt nicht perfekt war, könne auch mit der langen Wettkampfpause seit dem Weltcup von Falun Ende Januar zusammenhängen. Wegen einer Muskelprellung nach einem Sturz hatte er auf die nächsten Starts verzichten müssen.

Beim Weltcup-Finale am kommenden Wochenende im Engadin will der Hochschwarzwälder wieder mitmischen, obwohl er sich gerade "völlig leer" fühlt. Beim letzten Saisonrennen erwarten ihn 50 Kilometer Skating. Das sei ein komplett anderes Rennen, die Strecke meist flach. "Neues Spiel, neues Glück", sagt Janosch Brugger lachend. Manchmal braucht’s halt eine Portion Verrücktheit.