Serie

Aufwändige Literaturverfilmung – "Bridgerton" auf Netflix

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

So, 27. Dezember 2020 um 20:03 Uhr

Computer & Medien

Auf Netflix läuft die achtteilige romantische Literaturverfilmung "Bridgerton", die Anfang des 19. Jahrhunderts in London spielt. Es geht um die (Liebes)Geschichten adeliger Familien.

Feiertage und lange freie Wochenenden, das lang erwartete Ende eines schwierigen Jahres: Netflix hat die Ausstrahlung seiner achtteiligen Romanze "Bridgerton" nach den Romanen der US-Amerikanerin Julia Quinn gut getimt. Hier kann die Streaming-Gemeinschaft sich getrost ins London des Jahres 1813 hineinfallen lassen, sich an schönen Menschen, kostbaren Roben und prächtig ausgestatteten Herrenhäusern erfreuen. Sie bekommt (Liebes)Geschichten einer Gesellschaft auf den Bildschirm serviert, die einer historischen Überprüfung nicht immer standhalten, aber in hohem Maße unterhaltsam und modern erzählt sind.

"Bridgerton" handelt von der gleichnamigen adeligen Londoner Familie, die aus der verwitweten Violet und ihren acht Kindern besteht. Die älteste Tochter Daphne (Phoebe Dynevor) wird zum Serienstart in die Gesellschaft eingeführt, was zum Ziel hat, sie möglichst gut und das heißt standesgemäß zu verheiraten. Heiratsmärkte sind die saisonalen Bälle, auf denen die jungen, tugendhaften Mädchen von ihren ehrgeizigen Müttern, Vätern oder älteren Brüdern präsentiert werden – und zwar eingangs niemand geringerem als der englischen Königin Charlotte. Diese ist von Serienmacher Chris Van Dusen und der erfolgreichen Produzentin Shonda Rhimes ("Grey’s Anatomy") mit der schwarzen Schauspielerin Golda Rosheuvel besetzt worden – was womöglich von unbewiesenen Gerüchten inspiriert ist, die historische Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz, die mit König Georg III. verheiratet war, habe afrikanische Wurzeln gehabt. Doch nicht nur Königin Charlotte, auch der geheimnisvolle, attraktive Duke of Hastings (Regé-Jean Page) und seine Vertraute Lady Danbury (Adjoa Andoh) sind People of Color und repräsentieren einen diversen Schauspielercast, der somit ganz selbstverständlich aktuelle politische Debatten aufgreift.

Mädchen hatten nur eine Aufgabe: Sich auf die Ehe vorzubereiten

Inhaltlich freilich bedeutet das nicht, dass die Gesellschaft in "Bridgerton" nicht auch mit den Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts zu kämpfen hätte: Mädchen des adeligen Standes hatten einzig die Aufgabe, sich auf eine Ehe vorzubereiten, sowie sittsam und gehorsam zu sein. Wer dagegen rebellierte, wie etwa Daphnes jüngere Schwester Eloise (Claudia Jessie), die nicht einsieht, dass sie ihren wachen Verstand nicht einsetzten soll, musste früher oder später mit Problemen rechnen.

Erzählerin in "Bridgerton" ist eine gewisse Lady Whistledown, deren wahre Identität für eine lange Zeit geheim bleibt. Klar ist: Sie ist eine Insiderin und geniale Netzwerkerin, die mit ihrer Klatschzeitung mühelos dafür sorgen kann, dass jemand aus dem Stand höchstes Ansehen in der Gesellschaft genießt – im nächsten Augenblick aber auch gnadenlos von ihr fallengelassen wird.

Daphne und Hastings verfolgen beide Ziele, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen: Das Mädchen will aus Liebe heiraten und eine Familie gründen, der Duke möchte von der Gesellschaft in Ruhe gelassen werden und seine Freiheit genießen. Um ihre Träume zu verwirklichen und sich dabei nicht von Außen manipulieren zu lassen, tun die beiden sich zusammen – auf den ersten Blick rein aus pragmatischen Gründen. Doch wird es wenig überraschen, dass sie sich alsbald zueinander hingezogen fühlen – was zu einigen Wendungen im Plot führt. Freilich kommt die Serie, quietschbunt und ausladend erzählt, nicht ohne Kitsch aus. Doch Farbe und Phantasie können in diesen Zeiten auch durchaus bereichernd sein.

"Bridgerton" läuft auf Netflix