Bereicherung oder Zerstörung?

Christina Sticht

Von Christina Sticht (dpa)

Do, 22. Oktober 2020

Kultur

Streit in Hannover um Lüpertz-Kirchenfenster.

Es sollte ein hochkarätiges Geschenk für seine Heimatstadt Hannover werden: Vor zweieinhalb Jahren wurde bekannt, dass Altkanzler Gerhard Schröder der Marktkirche ein vom Künstler Markus Lüpertz gestaltetes Glasfenster stiften möchte. Doch seit Juni 2019 beschäftigt sich das Landgericht Hannover mit dem Fall. Georg Bissen, der Erbe des Architekten Dieter Oesterlen, der für den Wiederaufbau der Marktkirche nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich war, sieht das Urheberrecht verletzt.

Sein Stiefvater habe eine großartige Atmosphäre von Schlichtheit und Geschlossenheit geschaffen, sagt Bissen bei einem Ortstermin in dem Gotteshaus aus Backstein, das als ein Wahrzeichen Hannovers gilt. "Die Marktkirche will diese Atmosphäre verändern", kritisiert er. Bissen klagt gegen den Kirchenvorstand, um den Einbau des Fensters zu verhindern.

Auffällige bunte Fenster gibt es hinter dem Altar und über dem Eingang, an beiden Seiten des Kirchenschiffes sind sie jedoch hell und schlicht. Der Entwurf von Lüpertz ist als Papp-Aufsteller zu sehen: eine eher düstere Szenerie mit zwei Gestalten und fünf dicken schwarzen Fliegen. Dem Künstler zufolge verkörpern sie das Böse, das den Reformator Luther herausfordert. Schon bevor der Architekten-Erbe sein Veto einlegte, gab es Diskussionen über das Fenster in der Gemeinde. Einigen Mitgliedern gefiel der Stifter Schröder wegen seiner Nähe zu Kreml-Chef Putin nicht. Nach früheren Angaben soll das Fenster 150 000 Euro kosten.

Das für die Marktkirche bestimmte Fliegen-Fenster wird in den Derix Glasstudios im hessischen Taunusstein gefertigt. Die Arbeiten seien bereits relativ weit fortgeschritten, sagt Kirchenvorstandschef Scheibe. "Wir hoffen darauf, dass wir die Chance bekommen, es einzubauen." Das Fenster sei eine Bereicherung für die Gemeinde mit einem wichtigen historischen und liturgischen Bezug zur Reformation.