Kino

Berlinale 2021: Goldener Bär für "Bad Luck Banging or Loony Porn"

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Sa, 06. März 2021 um 09:07 Uhr

Kino

Das Publikum hat gefehlt. Doch auch im Heimkinomodus und einem verkleinerten Wettbewerb zeigte die Berlinale 2021 die Vielfalt des Weltkinos. Der Goldene Bär ging dieses Mal nach Rumänien.

Etwas lässt sich nach dieser Berlinale im Heimkinomodus mit Sicherheit feststellen: Ein Festival ohne Publikum ist kein Festival. Es fehlen nicht nur die Stars, es fehlen die unmittelbare Reaktion und die Kommunikation, die das Blut in den Adern eines jeden Filmfests sind. Wenn im ausverkauften Berlinale Palast 1700 Zuschauer bei einer Weltpremiere dem Geschehen auf der Leinwand ihre Aufmerksamkeit schenken, spürt man, ob ein Film es schafft, sein Publikum zu gewinnen, ob eine Szene ins Herz trifft oder völlig daneben geht.

Panorama der rumänischen Gesellschaft

Nach den ersten Minuten von "Bad Luck Banging or Loony Porn" des rumänischen Regisseurs Radu Jude hätten wahrscheinlich einige den Saal frühzeitig verlassen – und den verdienten Gewinner des Goldenen Bären verpasst. Ohne Vorwarnung beginnt der Film mit einem privaten Pornovideo. Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale in Großaufnahme. Blowjob. Sex. Peitsche. Emi (Katia Pascariu) und ihr Ehemann haben das Filmchen aufgenommen, das auf einer Pornoseite im Internet landet. Emi ist Lehrerin an einem Gymnasium und soll sich nun auf einer Elternversammlung verantworten. Aber vorher begleitet die Kamera sie eine gute halbe Stunde bei ihren Besorgungen kreuz und quer durch Bukarest.

Und es ist fantastisch, wie Jude hier scheinbar beiläufig ein Panorama der rumänischen Gesellschaft zeichnet, in die sich Egoismus, Rücksichtslosigkeit und ein obszönes Gefälle zwischen Arm und Reich tief in den Alltag eingebrannt haben. Danach folgt eine lange Montage, die in Videoschnipseln von A bis Z historische und aktuelle Ungeheuerlichkeiten im Lande auflistet, bevor sich im dritten Akt die Lehrerin vor einem wütenden Eltern-Mob wegen eines rein privaten Vergehens verteidigen muss. Geradezu brillant gelingt es Jude, die Doppelmoral und Sündenbockstrategien einer Gesellschaft freizulegen, die den sozialen Darwinismus zur Leitkultur erhoben hat.

Osteuropa mit beeindruckenden Filmwerken

Aus Osteuropa kamen in diesem Jahr ohnehin einige der stärksten Beiträge, die inhaltlich wie formal unkonventionelle Wege einschlagen. Der georgische Regisseur Alexandre Koberidze erzählt in "Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?" eine lyrisch mäandernde Liebesgeschichte, die auf Dialoge weitgehend verzichtet, aber durch Erzählerkommentare, Alltagsbeobachtungen, magischen Realismus und die Fußballweltmeisterschaft angetrieben wird. Der ungarische Wettbewerbsbeitrag "Forest – I See You Everywhere" von Bence Fliegauf baut in einer Episodenstruktur mehrere kleine Psychodramen zu einem Sittengemälde aus.

Zwei Silberne Bären gehen – physisch allerdings erst während des "Summer Events" – an das Gastgeberland. Für die beste Hauptrolle wurde Maren Eggert ausgezeichnet, die in Maria Schraders "Du bist mein Mensch" als Wissenschaftlerin den Prototyp eines humanoiden Roboters auf dessen romantische Beziehungsfähigkeit austesten soll. Fein nuanciert spielt Eggert die widerstrebenden Gefühle im Annäherungsprozess zwischen der selbstbewussten Skeptikerin und dem androiden Frauenversteher aus.

Fast schon wie eine Utopie

Den Silbernen Bär Preis der Jury erhält die deutsche Dokumentation "Herr Bachmann und seine Klasse". Über 217 spannende Filmminuten begleitet Regisseurin Maria Speth einen engagierten Lehrer, der den Klassenraum im hessischen Stadtallendorf für seine multikulturelle Schülerschaft zu einem sicheren Hafen der Akzeptanz, Empathie und Lebensneugier ausbaut. Fast schon wie eine Utopie wirkt diese einfühlsame Doku, die zeigt, dass gegenseitige Aufmerksamkeit der Schlüssel zu einer diversen, demokratischen Gesellschaft ist.

Ein Silber-Bären-Gewinner der zärtlichsten Art ist Ryusuke Hamaguchiders Beitrag "Wheel of Fortune and Fantasy", der mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. In dem Episodenfilm wird der Zufall zur treibenden Kraft und bringt die Menschen miteinander in Gespräche, die mit spielerischer Leichtigkeit enorme Intensität entwickeln. Trotz des kleineren Wettbewerbs ist es dem Festival gelungen, die Vielfalt des Weltkinos angemessen zu präsentieren. Bleibt zu hoffen, dass diese Filme beim optimistisch terminierten Publikumsevent vom 9. bis 21. Juni tatsächlich den Weg auf die Leinwand finden.