Landwirtschaft

Wie eine Demeter-Landwirtin in Biederbach arbeitet

Dorothea Scherle

Von Dorothea Scherle

So, 26. Mai 2019 um 19:01 Uhr

Biederbach

Die Kälber wachsen bei den Kühen auf, Schweine und Hühner haben eine gemeinsame Weide und werden auf dem Hof geschlachtet: Helga Wisser betreibt ihren Hof im Einklang mit der Natur.

Elztäler, die regelmäßig das Nachtcafé im SWR schauen, dürften kürzlich gestaunt haben, denn in der Talk-Runde zum Thema "Im Rausch des Lebens" war Helga Wisser aus Biederbach zu Gast. "Im freien Fall auf den Abgrund zurasen – diesen Kick braucht die Schwarzwälder Biobäuerin nicht für ihr Lebensglück. Helga Wisser findet innere Zufriedenheit im Einklang mit der Natur", hieß es in der Personenbeschreibung zur Sendung.

Ursprünglich wollte Helga Wisser nicht Bäuerin werden

Zusammen mit ihrem Mann Andreas Landwehr bewirtschaftet Helga Wisser den Gutmannhof. 1996 hatte sie den 250 Jahre alten Hof von ihren Eltern übernommen und gleich auf Demeter umgestellt, nachdem schon ihr Vater den Hof in den seinen letzten zehn Jahren extensiv und nicht mehr intensiv bewirtschaftet hatte. Außerdem beachtet das Ehepaar die Prinzipien der Permakultur, die auf die Schaffung von nachhaltigen Kreisläufen zielt.

Ursprünglich wollte Helga Wisser nicht Bäuerin werden. Sie hat eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin gemacht und sich zur Hauswirtschaftsleiterin weitergebildet. Ihre beiden Brüder waren nicht an der Übernahme des Hofs interessiert, und da sie Pferde hatte und immer viel geritten ist, hat sie schließlich das elterliche Erbe übernommen. Aber bis zur Geburt ihrer Tochter vor zwölf Jahren hat sie noch halbtags in einem Freiburger Fortbildungshaus in ihrem Beruf gearbeitet.

Rinder, Schweine und Hühner leben bei Helga Wisser als Tierfamilien

Lebensmittel produziert das Ehepaar für den Eigenbedarf, denn, fragt die Landwirtin: Was gibt es Wichtigeres als gesunde Ernährung? Lebensmittel für den Verkauf zu erzeugen, wäre unter den derzeitigen Bedingungen nicht machbar, weil Helga Wisser genaue Vorstellungen hat, wie Lebensmittel zu erzeugen und Tiere artgerecht zu halten sind. Dazu gehört viel Platz. Da der Grund eines Schwarzwälder Bauern beschränkt ist, könnte sie nicht so viele Rinder und Schweine halten, wie für die Fremderzeugung notwendig wäre. Ihre Tiere sollen ein schönes Leben haben. Deshalb leben ihre Rinder, Schweine und Hühner als Tierfamilien, also weibliche, männliche Tiere und Nachwuchs zusammen. "Das ist unheimlich wertvoll für die Tiere. Schweine brauchen Platz, es ist wunderschön, wenn der Eber bei den Ferkeln dabei ist, wenn die Schweine wühlen können. Das würde ich nie mehr anders machen, das wäre wie ein Zurück ins Mittelalter."

Im Sommer hält sie Pferde und Rinder gemeinsam auf den Koppeln. "Die Pferde fressen, was die Rinder nicht fressen, und umgekehrt. Die Wurmbelastung ist geringer, ich brauche kaum Wurmmittel", erzählt sie. "Die Hühner finden es super, zwischen den Schweinen zu sein. Sie fressen die aufgewühlten Würmer." So ein Leben sei unwirtschaftlich, aber sie seien zufrieden.

Helga Wissers Vater habe noch von dem Hof leben können, sie nicht mehr

Geld verdient die Familie mit Holzverkauf, wobei sie im vergangenen Jahr aber keines verkaufen konnten. Sie haben zwei Ferienwohnungen, und Andreas Landwehr geht drei halbe Tage in der Woche arbeiten. "Mein Vater hat noch von dem Hof leben können. Aber er hatte auch nur einen Bulldog und nicht vier und ein Auto und nicht zwei. Unser Fuhrpark gleicht einem Museum. Aber dafür können wir alles selber reparieren. Eine Werkstatt könnten wir uns gar nicht leisten." Ihr Vater habe für das Holz vor 30, 40 Jahren so viel Geld bekommen wie sie heute, bei viel niedrigeren Lebenshaltungskosten. "Ein Wagen Holz im Jahr geht allein für die Berufsgenossenschaft drauf, einer für die Grundsteuer und einer für die Versicherungen."

Bis vor ein paar Jahren hat Helga Wisser ihre Kühe noch gemolken. Ihre Kälber durften bei den Müttern bleiben und wurden nicht, wie in der Landwirtschaft üblich, am ersten Lebenstag von den Mutterkühen getrennt. "Die Kühe können das regeln. Meine Kühe haben Milch fürs Melken aufgehoben, und die Kälber hatten trotzdem genug." Mit bestimmten Rassen könne man das machen. Für die Milchproduktion bleibe die Hälfte der Milch, und das Kalb wachse bei seiner Mutter auf. Mit den heutigen Hochleistungskühen, die 50 Liter Milch am Tag gäben, gehe das nicht. "Ich würde das nie mehr anders machen", sagt sie. "Warum soll das für die Kühe emotional anders sein als für uns, wenn Mutter und Kind getrennt werden?"

"Unsere Tiere hatten ein schönes Leben, wenn sie geschlachtet werden." Helga Wisser
Helga Wisser und ihr Mann schlachten für den Eigenbedarf. "Ein Tier in der Natur stirbt auch", sagt sie. "Unsere Tiere hatten ein schönes Leben, wenn sie geschlachtet werden." Wenn sie ein Schwein schlachten, ist es anderthalb Jahre herumgerannt, und es stirbt ohne Angst, weil es nicht zum Schlachter transportiert, sondern auf dem Hof getötet wird. Zur Fremderzeugung wäre das nicht erlaubt, was Helga Wisser kränkend findet. Das Fleisch extern geschlachteter Tiere kann nicht mehr warm verarbeitet werden. Warm verarbeitetes Fleisch bilde eigenes Nitrit, das es haltbar mache, und es habe eine schöne Farbe. Der Veganer-Bewegung steht Helga Wisser kritisch gegenüber. "Man kann nicht auf jedem Boden Salat wachsen lassen. Bei Veganern ist das alles oft sehr theoretisch."

Landwirtschaft authentisch erleben

Was das Vermieten anbelangt, stellt Helga Wisser fest, dass die Feriengäste sich verändern. Die Kinder wollen nicht mehr mit in den Stall. Wenn die beiden Neufundländer sie schwanzwedelnd begrüßen, beginnen sie zu schreien, und das Baden im Naturreich, in dem womöglich ein Fisch schwimmt, finden sie "voll ekelhaft". Ihr ist es wichtig, einen Hof zu haben, in dem nicht alles auf Gäste ausgerichtet ist einschließlich Pool und Wellnessoase, sondern einen Bauernhof, auf dem man Landwirtschaft authentisch erleben kann. "Unsere Tiere sind nicht nur für die Feriengäste hier." Sie möchte keinen "Europa-Park in Bauernhofmanier", aber "das ist der Trend", sagt sie. Schade sei, dass die Verweildauer immer kürzer werde. Früher seien die Familien zwei bis drei Wochen geblieben, heute drei oder vier Tage.

Selbst macht das Ehepaar kaum Urlaub. In 20 Jahren seien sie zwei Mal in Urlaub gefahren. Das Problem besteht nicht nur darin, jemanden einzuarbeiten, der sich in der Zeit um den Hof kümmert und mit der alten Holzheizung klarkommt. Die Ferien in der Bretagne seien für die Hunde qualvoll gewesen: "Wasser, das man nicht trinken kann." Als sie zwei Jahre später noch einmal in Urlaub fahren wollten, hätten die Hunde am ersten Kreisverkehr in Frankreich so durchgedreht, dass sie wieder in Richtung Heimat abgebogen seien. Zum Ausgleich macht das Ehepaar Tagesausflüge, zum Beispiel ins Elsass, und Helga Wisser macht Tagestouren mit ihren Pferden. "Wir haben nur die eine Natur", sagt Helga Wisser. "Ich möchte hier ein kleines Paradies für die Nachkommen erhalten."