Geschichte der Weltausstellungen: Laufsteg der Nationen

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

Fr, 30. April 2010

Bildung & Wissen

Lange feierten die Weltausstellungen nur den technischen Fortschritt. Jetzt ist Nachhaltigkeit das große Thema /.

D er Tag ist einer der größten und glorreichsten in unserem Leben. (...) Der Blick durch die Eisentore auf das Querschiff, die wogenden Palmen, Blumen, Statuen, Myriaden von Menschen, die die Galerien und alle Stühle besetzten. (...) Ich war sehr bewegt. (...) Man fühlte sich – wie so viele andere, mit denen ich seitdem sprach – beseelt von Andacht, mehr als in jeder Messe, die ich bisher hörte."

Was Queen Victoria in ihr Tagbuch notierte, ist ein eindrucksvoller Beleg für die Euphorie, die viele gepackt hatte, als am 1. Mai 1851 im Londoner Hyde Park die "Great Exhibition of the Works of Industrie of All Nations" eröffnet wurde. Mag die Euphorie der Königin auch mit dem Umstand geschuldet sein, dass ihr Ehemann, der deutschstämmige Prinz Albert, die erste Weltausstellung angestoßen hatte: Der Auftakt war tatsächlich furios. Ein Anlass zum Jubeln war allein schon der Kristallpalast, in nur sechs Monaten erbaut aus Eisen und Stahl, gut einen halben Kilometer lang und 124 Meter breit.

Dieses Gebäude war ein Tempel des Fortschritts, in dem die Völker im "friedlichen Wettstreit" ihre industriellen Leistungen zeigten. Vertreten war 26 Nationen (dazu 15 britische Kolonien) mit insgesamt mehr als einer Million Exponaten. Über sechs Millionen Menschen aus allen gesellschaftlichen Klassen besuchten die "Great Exhibition". Auch wirtschaftlich war die Veranstaltung ein grandioser Erfolg.

Von London aus, dem Mutterland der Industrialisierung und beginnenden Globaliserung, trat die Expo-Idee ihren Siegeszug an, zunächst in den Zentren der Alten Welt: im Wechsel in London und Paris, 1873 dann auch im deutschsprachigen Raum, in Wien. 1876, in Philadelphia, waren erstmals die USA Gastgeber für die Welt. Weit mehr als ein Jahrhundert lang blieb der westliche Kulturkreis unter sich, erst 1970 stand mit Japan (Osaka) ein asiatisches Land im Zentrum.

INFORMIEREN

Im Schaulaufen der Nationen versuchte jeder Veranstalter, seinen Vorgänger zu toppen: durch noch größere Hallen, noch mehr Aussteller, noch mehr Exponate, noch imposantere Technik.

Den Ingenieuren (und später den Konzernen) bot sich eine wunderbare Bühne, voller Stolz ihre Erfindungen oder neue Produkte dem Rest der Welt zu präsentieren. Zum Beispiel konnten auf der Expo 1862 in London die sechs Millionen Besucher die erste Nähmaschine bestaunen. 1867 trug in Paris ein hydraulischer Aufzug die Besucher aufs Dach der Maschinengalerie. In Philadelpia 1876 beeindruckten Kolosse wie Corliss' 2500 PS starke Dampfmaschine, die alle anderen Geräte in der Halle antrieb. Noch mehr aber imponierte ein Winzling: das Telefon des Alexander Graham Bell.

Proben aus Edisons Phonographen kamen der Welt 1889 in Paris zu Ohren. Chicago stellte 1893 nicht nur den ersten Reißverschluss vor, sondern demonstrierte die Kraft der Elektrizität. Rollende Fußwege brachten die Besucher über das weitläufige Gelände. Einigen Quellen zufolge soll in Chicago auch ein elektrischer Stuhl zu sehen gewesen sein. In New York (1939 bis 1940) kamen die ersten Nylonstrümpfe über die Damenbeine. Schon im ersten Jahr nach der Markteinführung verkaufte der Chemiegigant DuPont 64 Millionen Paar davon. 1964, auf dem New Yorker "World's Fair" – so heißen die Weltausstellungen in den USA – hatte das Farbfernsehen Premiere.

IMPONIEREN

Kaum eine Weltschau ohne spektakuläres Wahrzeichen. London hatte 1851 mit dem Crystal Palace (später bei einem Brand zerstört) Maßstäbe gesetzt. Der französische Rivale wollte nicht zurückstehen: Zur Expo 1889 erbaute Gustave Eiffel seinen Turm. Das andere Wahrzeichen dieser wohl wichtigsten Weltausstellung war die "Galerie des Machines", die mit nahezu schwebend konstruierten Eisenträgern eine gewaltige Spannweite überbrückte. Die Rotunde im Wiener Prater, 1937 abgebrannt, war getragen vom Schwung der Gründerzeit – ein kühner Kuppelbau aus Stahl, der von außen nicht verkleidet war, auf dass jedermann die Größe der Ingenieursleistung in die Augen springe. Das Atomium, Wahrzeichen in Brüssel 1958, feierte die friedliche Nutzung der Kernenergie. Die Space Needle, ein 184 Meter hoher Turm, war dann das Wahrzeichen der Weltausstellung 1962 in Seattle und stand für das Raumfahrtzeitalter, in das die USA gerade aufbrachen.

UNTERHALTEN

Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelten sich die Weltausstellungen von der reinen Industrieschau hin zu universellen Kulturausstellungen. Zu beobachten war das erstmals in Paris 1867. Hier gab es neben den großen Maschinenhallen auf einmal auch Pavillons in den verschiedensten Baustilen. Als Nationenpavillons sollten sie typisch werden für die späteren Weltausstellungen, die keine großen Industriehallen mehr kennen.

Mit den Budenstädten von Paris traten dann Spaß und Unterhaltung zu den Lektionen über den Fortschritt der Technik. Befördert würde dieser Trend auch durch die vielen Weltausstellungen in den USA. Hier bildete sich Anfang des 20. Jahrhunderts ein neuer Expo-Typ heraus – ein Mix aus Wissensvermittlung, Vergnügen und Kommerz. Der rein wissenschaftlich-technische Aspekt war in einer immer komplizierter werdenden Welt ohnehin besser bei den zahllosen Fachmessen und Tagungen aufgehoben. Den Weltausstellungen blieb es vorbehalten, das Wissen unterhaltsam unters Volk zu bringen.

ZURÜCKHALTEN

Neben der nationalen Leistungsschau waren die Expos immer auch der Ort, an dem Bilder vom Leben in der Zukunft entworfen wurden. Brüssels Atomhoffnungen oder Seattles Weltraumfantasien – diese Expos suchten das Heil in einem aufs Wissenschaftlich-Technische reduzierten Fortschritt. Auf der Weltausstellung 1967 in Montreal wehte bereits ein anderer Wind. Unter dem Titel "Terres des Hommes" rückte der Mensch in den Mittelpunkt. Die erste Expo in Deutschland, 2000 in Hannover, suchte nach Modellen für ein Gleichgewicht zwischen "Mensch, Natur, Technik" (so das Motto). Auch die Expo zehn Jahre danach in der Megametropole Schanghai, die sich unter dem Motto "Better City, Better Life" dem Problem der Urbanisierung widmet, will nachhaltig und bescheiden sein – auch wenn sie mit erhofften 100 Millionen Besuchern auf ihrer Ausstellungsfläche von 528 Hektar alles bisher Dagewesene übertreffen will.

Weitere Informationen unter
http://www.expo2000.de
Literaturtipp: Winfried Kretschmer,
Geschichte der Weltausstellungen,
Campus-Verlag, 1999