Aus Schlesien in den Schwarzwald

Wie es war, als Heimatvertriebener im Schwarzwald aufzuwachsen

Erhard Morath

Von Erhard Morath

So, 26. Juni 2016 um 11:10 Uhr

Bonndorf

Aus Oberschlesien kamen die "Henkel-Frauen" nach dem Krieg in den Schwarzwald. Erhard Morath schildert die Situation als Sohn einer "Dahergelaufenen" – und zeigt, was wir heute daraus lernen können.

Im Jahre 1953 kam ich als Sohn von Reinhard und Elisabeth Morath, eine geborene Henkel aus Oberschlesien (aus Grüben, heute Grabin) in Dillendorf (mit mir 351 Einwohner) zur Welt. Von klein an wurde mir über viele Jahre hinweg vor Augen geführt, dass ich der Sohn eines Flüchtlings war, einer "Dahergelaufenen".

Meine Mutter wollte es wohl allen zeigen – und aus mir ein Vorzeigekind machen. Immer höflich, beste Schulnoten, stets gekämmt, keine schmutzigen Hände, von klein an Ministrant und Vorsänger, hochdeutsch sprechend. Das war auch eine Zeit lang ganz nett, aber je länger es dann andauerte... echt grauenvoll.

Erst als Erwachsener begriff ich das "Warum", mit welchen Ressentiments meine Mutter im Dorf zu kämpfen hatte und die Gründe für ihre über mich gestülpte Käseglocke.

Flucht und Vertreibung
Paul und Gerhard, die beiden Brüder meiner Mutter, mussten – ebenso wie ihr Vater Josef – in den Krieg. Ihre Mutter, Martha Henkel (meine Oma) hatte danach für ihre vier Töchter Sorge zu tragen. Zudem nahm sie sich eines Pflegekindes an. Elisabeth, meine Mutter, war die älteste der Henkeltöchter.

Sie arbeitete zunächst auf einem vor der Haustüre gelegenen Schloss als Hausmädchen, ging während des Krieges zu ihrer Tante in Dresden und versuchte, bei einem Arzt in Berlin Geld zu verdienen. Angst und Schrecken in Bombennächten waren nichts gegenüber dem, was sie in den letzten Kriegswochen ...

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