Eine Lehrstunde der Wahrnehmung

Paul Klock

Von Paul Klock

Mi, 08. Mai 2019

Breisach

Bilder des Freiburger Künstlers Eberhard Brügel sind im Kunstkreis Radbrunnen zu sehen.

BREISACH. Zeichnen mit Licht und Schatten. Mit dunkel und hell. Mit Linien und Fläche. Mit Mustern und Formen. Ob per Holzschnitt, Radierung, mit Tusche oder Zeichenstift. Die Farbe hat der Freiburger Künstler Eberhard Brügel schon lange aus seiner künstlerischen Welt verbannt, auch aus seiner Kleidung. Denn auch sie ist schwarz, immer.
Doch wer glaubt, das ergäbe nur schwarzweiße Bilder, der irrt. Denn jede Schattierung, jeder Schatten, jede Reibung von Schwarz und Weiß, jedes Leuchten ergibt - Farbe. Der Schwarz-Weiß-Film der 20er bis 50er Jahre kann dies belegen. Keiner hat die Farbe vermisst, jeder hat sie sich dazu gedacht. Wie das möglich ist?
Kopiert man ein Farbbild auf schwarzweiß, sieht man, welchen Ton das Gelb, das Braun, das Rot und andere Farben haben. Gut möglich, dass unser Gehirn imstande ist, das adäquat zu übersetzen. Gut möglich, dass es das gar nicht braucht, da alles Sichtbare auch Gefühle erzeugt, Stimmungen, Irritationen. Gut möglich, dass wir deshalb die Farbe gar nicht mal so unbedingt benötigen. Dieser Art der Wahrnehmung geht Eberhard Brügel nicht nur wahrnehmungstechnisch, sondern vor allem künstlerisch auf den Grund. Was ihn interessiert, was ihn beschäftigt, was ihn neugierig macht, ist die Wirkung, die Linie und Fläche, Form und Muster hervorzurufen imstande sind. Und was sich dazwischen tut. Welche Elemente weichen zurück, welche behaupten sich, welche reiben sich, welche ergänzen oder verschränken sich. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, ob es sich bei den Bildinhalten um figürliche, wieder erkennbare Gebilde oder Bildinhalte handelt oder um abstrakte Formen.

Besonderes Verhältnis zur Natur

Aus nächster Nähe betrachtet wird ohnehin alles entweder abstrakt oder figürlich, weil wir es ja sind, die den Dingen ihre Bedeutung geben. Wenn man sich dieses ganz verschiedene Formenspiel aus über 40 Jahren künstlerischer Arbeit im Ergebnis anschaut, ist vor allem die Vielfalt erstaunlich, die von kontrollierter Komposition bis hin zu "Zufallsprodukten", zum Beispiel in Form von Abdrücken gefundener Rindenstücke oder verwitterter Sperrholzlatten, geht. Wichtig scheint allein das Ergebnis, das nicht nur Sichtbares, das heißt objektiv Überprüfbares, sondern auch übernatürliche Empfindungen darstellt. Vielleicht ist es ein besonderes Verhältnis des Künstlers zur Natur, die Lust, sie sozusagen zeichnerisch zu erfassen, die das Besondere in Eberhard Brügels Arbeiten ist und ihren Wiedererkennungswert ausmacht.
Nicht nur, was ist, sondern auch was nicht ist, der leere Raum, die Abwesenheit macht diesen Wiedererkennungswert aus. Das gibt dem Ganzen mitunter einen surrealen Anstrich, eine Art Aufscheinen, das beim Betrachter das Gefühl hinterlassen kann, als würde das Gesehene in dem Moment wieder verschwinden, wenn er sich umdreht.

Wir wissen ja gar nicht, wie die Welt tatsächlich aussieht. Und den Teil, den wir im Universum nicht sehen, unter anderem die sogenannte dunkle Materie, existiert für uns nur in Form indirekter Beobachtung. So wird die Auseinandersetzung mit den Arbeiten Eberhard Brügels auch zu einer Art Lehrstunde über Wahrnehmung, Sichtbarkeit und Selbstvergewisserung. Vor allem die feinen Landschaftsradierungen zeigen Räume, die real, abstrakt und immateriell zugleich sind. Mehr noch als die filigranen Bleistiftzeichnungen oszillieren sie zwischen Manifestation und ihrer Auflösung.
Kein Wunder, dass Eberhard Brügel mehrere Zeichenlehrbücher geschrieben und herausgegeben hat. Macht er den Betrachtern doch bewusst, dass nichts ist, wie es scheint, sondern sich immer wieder verändert. Die Ausstellung war die erste unter dem neuen Vorstand des Kunstkreises Radbrunnen.
Info: Die Ausstellung ist bis zum 2 Juni zu folgenden Zeiten geöffnet: Freitag von 14 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage von 11.30 bis 18 Uhr.