Nachhilfe aus dem Altenheim

Britische Studenten chatten mit französischen Senioren

Sylvain Peuchmaurd

Von Sylvain Peuchmaurd

Mo, 29. März 2021 um 14:13 Uhr

Panorama

77 Jahre Altersunterschied liegen zwischen Elliot Bellman und Jacqueline Tolu. Er ist Brite und Student, sie Französin und Rentnerin, 500 Kilometer trennen sie. Dennoch sind die beiden Freunde geworden.

Jeden Montagnachmittag um halb fünf britischer Zeit, halb sechs Uhr in Frankreich, haben Bellman und Tolu ein Date - per Skype am Computer. "Comment allez-vous?", fragt der Student die 97-Jährige auf Französisch nach ihrem Befinden. Der 20-Jährige studiert an der Universität Warwick in Coventry Französisch, Spanisch und Japanisch. Tolu lebt in einem Altersheim in Bonneuil-sur-Marne, einem Vorort von Paris.

Bellmann erzählt von seinem Studium, Tolu von den 14 Jahren, die sie in Afrika verbracht hat. Sie plaudern und lachen, bis sie auf die Pandemie zu sprechen kommen. "J’en ai ras-le-bol", sagt die alte Dame. "Kennst du den Ausdruck? Das heißt, die Nase voll von etwas zu haben."

Tolu ist ganz begeistert von den wöchentlichen Verabredungen vor dem Bildschirm. "Montags bin ich glücklich, da kommt der kleine Elliot um halb sechs", sagt sie. Zusammengeführt hat das ungewöhnliche Sprachtandem das vergangene Jahr gestartete Programm Share Ami. Der Name ist ein Wortspiel aus dem englischen "teilen" - share - und dem französischen Wort für "Freund" und klingt wie "cher ami" - lieber Freund - auf Französisch. 110 französische Senioren hat die Initiative bereits mit Französisch lernenden jungen Menschen zusammengebracht.

Eigentlich wollte Bellmann vergangenes Jahr zum Französischlernen nach Bordeaux reisen, doch die Pandemie machte den Plan zunichte. Deshalb meldete er sich bei Share Ami an. Die Online-Gespräche helfen ihm einerseits, sein Französisch zu verbessern, zum anderen bringen sie Abwechslung in das monotone Leben im Lockdown. "Ich denke, am stärksten betroffen von der Pandemie sind die jüngere und die ältere Generation", sagt Bellman. "Besonders Jacqueline, die keine Familie mehr hat, helfen die Gespräche gegen die Einsamkeit." Aber auch dem Studenten tut die neue Freundschaft gut. "Es ist einfach schön, mit jemandem über alles Mögliche zu reden", sagt er.

Die Idee zu Share Ami hatte Clement Boxebeld, einer der Gründer, schon vor längerer Zeit. Inspiriert hat ihn eine ähnliche Initiative in Brasilien. Als die Pandemie vor einem Jahr die Menschen in die Isolation zwang, war der richtige Zeitpunkt gekommen, das Programm zu starten.

Die Teilnehmer hätten das Gefühl, dass sie wirklich nützlich sind, sagt Boxebeld. Die Nachfrage, vor allem bei den Studierenden, ist riesig. 6800 haben sich angemeldet, aber nur 480 Senioren. Etwa 50 Freiwillige kümmern sich darum, die Sprachtandems nach ihren Interessen zusammenzustellen.

Eine von ihnen ist Isabel Cartwright, die an der Universität Warwick Französisch und Chinesisch studiert. "Es ist einfach schön, diese Freundschaften zwischen den Generationen zu vermitteln", sagt die 20-Jährige, die sich als eine der ersten bei Share Ami angemeldet hatte. Cartwright tauscht sich mit Martine und Marie-Christine aus, die beide um die 70 sind. "Sie sind sehr geduldig mit mir. Wenn ich Fehler mache, ermutigen sie mich", schildert sie.

Cartwright hofft, die beiden endlich persönlich kennenzulernen, wenn sie im August für sechs Monate nach Frankreich geht. Das sei ihre erste Reise auf die andere Seite des Ärmelkanals, sagt die Studentin - abgesehen von einem Ausflug ins Disneyland Paris als Kind.