Skandalspiel in Hoffenheim

Christian Streich: "Diese Hetze gegen Menschen ist nicht hinnehmbar"

dpa/bz

Von dpa & BZ-Redaktion

So, 01. März 2020 um 14:22 Uhr

1. Bundesliga

Die Beleidigungen von Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp durch Bayern-Fans empören den deutschen Fußball-Kosmos. Der Trainer des SC Freiburg ordnet die Vorfälle mit einem Statement auf der Pressekonferenz ins gesellschaftliche Klima ein.

Ein paar Stunden nach dem Skandal von Sinsheim verkündete DFB-Chef Fritz Keller im Machtkampf mit der Kurve das Ende aller Kompromisse. "Jetzt ist Schluss, jetzt müssen die Grenzen gezeigt werden", sagte der um Fassung ringende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes im ZDF unter dem Eindruck der neuerlichen Hass-Tiraden gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. Das harte Durchgreifen mit zwei Spielunterbrechungen beim Gastspiel der Bayern in Sinsheim, das demonstrative Ballgeschiebe der Stars, die Proteste in anderen Stadien – die denkwürdigen Szenen dieses Spieltags haben den deutschen Fußball in die nächste Fankrise geführt. Der DFB und die Liga müssen sich nun an ihrer plötzlichen Knallhart-Strategie messen lassen – wahrscheinlich schon im Pokal in den nächsten Tagen.



"Man braucht nur die Geschichte der Weimarer Republik zu studieren, um zu sehen, wo das hinführen kann. Wehret den Anfängen!" Christian Streich
Ähnliche Vorfälle in Dortmund, Köln, einigen Zweitliga-Arenen und dem Bundesliga-Sonntagsspiel in Berlin lassen eine konzertierte Aktion erahnen. Freiburgs Trainer Christian Streich ordnete die Vorfälle im Dortmunder wie im Sinsheimer Stadion nach der 0:1-Niederlage beim BVB in einen größeren Zusammenhang ein. "Was in diesem Land in den letzten zehn Monaten passiert ist, in puncto Hetze, in puncto Anschläge auf Politiker, auf jüdische Einrichtungen und jetzt auf eine türkische Shisha-Bar, ist extrem gefährlich", sagte der Trainer des SC Freiburg, der in Dortmund die Schmähgesänge der BVB-Fans gehört hatte, auf der Pressekonferenz nach dem Match. "Diese Hetze gegen Menschen ist nicht hinnehmbar." Und: "Man braucht nur die Geschichte der Weimarer Republik zu studieren, um zu sehen, wo das hinführen kann. Wehret den Anfängen!"

DFB-Boss Keller erklärte, der Drei-Stufen-Plan mit Unterbrechung, Stadiondurchsage, Spieler in die Kabine schicken und notfalls Abbruch gelte "für Hassplakate jeglicher Art, auch Rassismus und Antisemitismus".

Die Münchner und Hoffenheimer Beteiligten haben am Samstag zwar ein starkes Signal gesetzt, das auf viel Lob und Zustimmung stieß. Trainer Hansi Flick, Vorstandsmitglied Oliver Kahn und die Profis um die wütenden Ex-Hoffenheimer Serge Gnabry und David Alaba hatten die Anhänger zuvor energisch aufgefordert, das Banner wieder abzuhängen. Keller gratulierte den Schlichtern, die "den Chaoten nicht gelassen haben, was sie wollten, nämlich das Spiel zu zerstören und Macht über dieses Spiel zu haben".

Bei rassistischen Vorfällen fiel die Reaktion zuletzt anders aus

Nur reagiert der Verband spät. Während bei den rassistischen Vorfällen gegen Herthas Jordan Torunarigha im Pokalspiel auf Schalke jüngst nicht einmal unterbrochen wurde, handelte der Schiedsrichter diesmal konsequent und unverzüglich. Das wirft bei vielen Beteiligten Fragen auf. Kritik muss sich der DFB auch beim Fall von Herthas B-Jugend gefallen lassen. Die Junioren hatten im Februar wegen rassistischer Vorfälle geschlossen den Platz verlassen – das Spiel wurde anschließend als Niederlage für die Berliner gewertet.

Der FC Bayern wusste sogar vorab von den Plänen der Münchner Fanszene. Empört sprach Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge danach von "einem schwarzen Tag für den Fußball" und betonte: "Es muss aufhören. Ich werde mich mit dem heutigen Tag nicht mehr wegducken. Auch auf die Gefahr hin, dass ich irgendwann mit Leibwächtern durch die Gegend laufen muss." Rummenigge, der Hopp schon in der Loge in den Arm genommen hatte, entschuldigte sich: "Ich schäme mich zutiefst aus Sicht des FC Bayern für diese Chaoten. Es ist der Moment gekommen, wo der gesamte deutsche Fußball gemeinsamen Schrittes gegen diese Chaoten vorgehen muss", sagte der Funktionär. Die Verursacher seien gefilmt worden.