Weil am Rhein

Fragment eines Einblattkalenders aus dem 16. Jahrhundert entdeckt

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 14. Dezember 2020 um 09:00 Uhr

Weil am Rhein

Der frühere Lehrer am Kant-Gymnasium Martin Jösel hat in einem antiquarischen Ledereinband ein rares Druckwerk entdeckt. Er selbst beschreibt diesen Moment als "Ötzi-Gefühl".

Martin Jösel, der noch bis zum vergangenen Schuljahr als Lehrer am Weiler Kant-Gymnasium tätig war, ist schon mehrfach mit literarischen Programmen in Erscheinung getreten und hat zuletzt auch als Philologe Spürsinn bewiesen. Seine Wiederentdeckung des Kant-Nachfolgers Wilhelm Traugott Krug auf dem Königsberger Lehrstuhl hat in interessierten Kreisen einige Beachtung gefunden. Nun ist Jösel eine neuerliche Entdeckung – wenn auch ganz anderer Art – gelungen, die er selbst als "Ötzi-Gefühl" beschreibt.

Fragment eines Einblattkalenders entdeckt

Zeitlich reicht der Fund, den Jösel gemacht hat, zwar nicht annähernd so weit zurück wie die Gletschermumie im Ötztal, die aus dem vierten Jahrtausend vor Christus stammt. Gleichwohl hatte er das Glück, ein gedrucktes Dokument zu entdecken, das vermutlich Mitte des 16. Jahrhunderts entstand und somit nur etwa 100 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Bei Jösels "Ötzi" handelt es sich nach seinen Angaben um den Überrest eines Einblattkalenders aus der Renaissance. Er habe sich wie ein Archäologe bei einem Sensationsfund gefühlt, schildert Jösel die entscheidenden Momente, als er vor Kurzem in seiner kleinen Buchbinderwerkstatt im Homeoffice ein Fragment des so genannten Einblattkalenders entdeckte.

Jösel hatte vor fünf Jahren von einem Innsbrucker Antiquar alte Ledereinbände geschenkt bekommen, die einmal Stadtprotokolle beinhalteten. Einer dieser Einbände war mit einer handschriftlichen Notiz "1569" versehen. Auf der Rückseite des Einbanddeckels nahm Jösel erst jetzt durchschimmernde Buchstaben, Ziffern und kolorierte Illustrationen wahr. Als er nun in einem Warmwasserbad das Papier vorsichtig vom Leder löste, kam das seltene Fragment eines Einblattkalenders zum Vorschein. Es stammt vermutlich aus dem Jahr 1560. Das hat jedenfalls der Leiter der Abteilung Frühe Drucke, Ulrich Dill, von der Universitätsbibliothek Basel anhand der beweglichen Festtage rekonstruieren können.

Faust-Illustration auf wertvollem Blatt

Jösel, der sich seit 30 Jahren intensiv mit der Faust-Tradition im Dreiländereck beschäftigt, freut sich vor allem über die "Faust-Illustration", die auf dem wertvollen Blatt zu sehen ist. Sie zeigt den Blick in eine Druckerwerkstatt. Der dazugehörige Text kommentiert die Abbildung mit den Worten: "Underm Keiser Fridrich ist erdacht Buchtruckerey zerst zwägen bracht zu Menz Straßburg durch Joanem Faustum so man zalt 1446 nun." Schon damals wurden demnach der Schwarzkünstler Faust und Gutenbergs Mitarbeiter Johann Fust miteinander in Beziehung gebracht oder sogar verwechselt, schließt Martin Jösel aus dem vorliegenden Text. Er hält das für durchaus plausibel: "Beide beschäftigten sich ja mit Teufelszeug!"

Einblattkalender gelten übrigens als Vorläufer der Hinkenden Boten, die hierzulande etwa als "Lahrer Hinkender Bote" bekannt sind, und der Rheinländischen Hausfreunde, zu dessen badischer Ausgabe etwa Johann Peter Hebel etliche Beiträge beisteuerte. Insgesamt sind die Einblattkalender aber noch kaum erforscht. Das will Martin Jösel im nächsten Jahr nun ändern.